Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken II

Geistlicher Missbrauch benötigt einen Nährboden, auf dem er gedeihen und sich entfalten kann. Wie schon von einigen kommentiert, kann dieser Nährboden im System (Gemeinde & Missionswerk, etc.) an sich liegen. Aber nicht selten sind es auch einzelne Personen (Machtmenschen) oder die Opfer selber, die die Voraussetzungen zum gM schaffen.

Ich will zunächst einige meiner Erfahrungen zum Thema weitergeben, um dann darüber sowohl theologisch als auch psychologisch zu reflektieren.

Soweit es mich betrifft, habe ich allen Beteiligten an den nun zu schildernden Ereignissen vergeben und ich hege auch keine Bitterkeit, Rachegefühle, oder dergleichen (obwohl ich all das in einer bestimmten Phase hatte!) irgend jemandem gegenüber (das hat aber auch länger gedauert!). Daher wird meine Schilderung so anonym und diskret wie möglich sein. Allerdings werde ich die Tatsachen und Ereignisse so schildern, wie ich sie tatsächlich auch erfahren habe. Schuld und Unrecht werden durch Vergebung nicht wettgemacht, sie verlieren dadurch nur ihren Todesstachel. Gerade bei Missbrauch (jeglicher Art) muss die Wahrheit an die Öffentlichkeit und das aus zwei Gründen: 1. um die Opfer zu schützen (auch potentielle) und 2. um die Täter und deren Unrecht zu entlarven. Ich habe das damals in meinem Fall nicht getan, weil ich zu ängstlich, zu verunsichert und zu feige dazu war.

Jeder Missbrauch vollzieht sich (normalerweise) in 7 Phasen:

  1. Phase: Geheimhaltung
  2. Phase: Hilflosigkeit
  3. Phase: Reaktion
  4. Phase: Eskalation
  5. Phase: Aufdeckung
  6. Phase: Chaos
  7. Phase: Wiederherstellung

Nun zu meiner 1. Phase.

Diese brach über mir herein wie ein Tsunami mit mehreren großen Flutwellen. Ich war damals Gemeindegründer und Leiter derselben Gemeinde, der ich mit einem Team von 5 Ältesten vorstand.  Zu dem Zeitpunkt leitete ich diese Gemeinde schon seit über 2 Jahren, als mir ein Ältester bei einer Sitzung einen sehr derben Vorwurf machte – ich könne nicht mehr Ältester der Gemeinde sein, weil ich in der Gemeinde „die charismatische Irrlehren“ verbreite. Ja, ich lehrte tatsächlich, dass alle Gaben des HG, die im NT vorkommen, ohne Vorbehalt auch der heutigen Gemeinde gegeben sind. Das sahen einige Älteste anscheinend anders, aber Irrlehre? Das war für mich schon ein heftiger Seitenhieb. Ich muss erklärend vielleicht dazu sagen, dass ich zu dem damaligen Zeitpunkt persönlich keinerlei Erfahrungen mit den sog. „charismatischen Gaben“, sprich Zungenrede, Prophetie und Heilung hatte. Aber für mich stand exegetisch und theologisch fest: Diese Gaben gibt es auch heute noch und haben ihren Platz in der Gemeinde. Natürlich bestritt ich, ein Irrlehrer zu sein und bat die anderen Ältesten, diesen Vorwurf von mir zu nehmen.

Aber es kommt erstens oft anders, und zweitens als man denkt. Beim nächsten Meeting schlugen die Ältesten vor, dass wir beide vom Ältestenamt zurücktreten – der eine Älteste wegen seinem Vorwurf und ich wegen „Streitsucht“ – so wörtlich, die darin bestand, dass ich mich gegen den Vorwurf der Irrlehre wehrte. Ich dachte bei mir: OK, das werden die anderen Ältesten unter sich und vor der Gemeinde klären und nach spätestens einem Monat geht es wie gewohnt weiter… Falsch gedacht… Das Beben war erst passiert und die erste Welle sollte nicht die letzte sein. Derselbe Älteste brachte dann noch andere unhaltbare Vorwürfe gegen mich (der eine betraf mein Zeugnis nach außen, der andere betraf meinen Umgang mit Finanzen und noch ein weiterer endete fast mit einer Anzeige beim Arbeitsamt, weil ich (damals arbeitslos!) 100% meiner Zeit (unentgeltlich!) der Gemeindearbeit widmete). Die Vorwürfe waren so absurd und unhaltbar, dass ich zunächst nicht wusste, ob ich heulen oder lachen soll. Ich war überzeugt, dass die anderen Ältesten besonnen und weise genug sind, um diese Angelegenheit im Nu zu klären. Dieses Nu dauerte dann 2 Jahre. Es spielte sich alles im Geheimen ab. Die Gemeinde erfuhr dann irgendwann einmal, dass ich vom Ältestenamt zurückgetreten sei, aber kein Mensch wusste warum – und sie wissen es bis heute nicht… Ich war damals zu naiv zu glauben, dass  Missbrauch, Unlauterkeit und Unrecht in der Gemeinde (speziell in unserem Ältestenkreis!) keinen Platz haben.

Geheimhaltung ist eine sehr große und oft unterschätzte Kraft in der Dynamik des Missbrauchs. Menschen und Systeme, die andere missbrauchen, werden immer mit Geheimhaltung, Verschleierung, Verharmlosung, Einschüchterung und Vernebelungstaktiken arbeiten.

Die 2. Phase kommt…

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