Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken IV

Bevor ich zur nächsten Phase des Missbrauchs komme, sollte ich vielleicht kurz etwas zu den verschiedenen Reaktionsmustern sagen. Wir alle reagieren unterschiedlich auf Schmerz, wobei die (aggressive) Reaktion selbst einen natürlichen und  (überlebens)wichtigen Schutzmechanismus darstellt. Der Schmerz sagt uns, dass etwas nicht in Ordnung ist – z.B. der Splitter in der Hand. Die Nervenzellen senden dann Signale an unser Gehirn und das vegetative Nervensystem aus, dann gibt es die erste aggressive Reaktion, die den Schmerz und dessen Ursache beseitigen will. Hier reagiert die Spezies Mensch weltweit gleich. Damit steht die Reaktion mit dem erzielten Ergebnis (Heilung) meistens im ausgewogenen Verhältnis.

Was passiert aber, wenn der Schmerz sehr lange andauert? Wie bei einer langen (schier nicht endenden) Serie von Missbräuchen? Dann reagieren wir sehr unterschiedlich, obwohl auch hier Aggression die zugrunde liegende Antriebskraft bildet. Bei dem einen löst allerdings diese Aggression Wut, Zorn und ein Um-Sich-Schlagen aus, bei dem anderen Traurigkeit, Depression und ein In-Sich-Schlagen. So kann ein und dasselbe Ereignis zwei grundverschiedene Reaktionsmuster auslösen: 1. Zornausbrüche – die Wut nach Außen, oder 2. Depressionen – die Wut nach Innen. Ich gehöre zu der 2ten Kategorie.

Daher war meine „3. Phase: Reaktion“ auch sehr stark von Hoffnungslosigkeit, Depression, Wehmut und Selbstmitleid gekennzeichnet.

Ich stellte mir immer wieder die Frage nach dem „Warum?“. Ich strengte meine Hirnmasse bis zur völligen Erschöpfung damit an, zu verstehen, was hier (von gM und deren Mechanismen wusste ich damals noch nichts!) vor sich geht. Ich musste nun völlig aus dem „geistlichen Dienst“, der mit doch so viel bedeutet hatte, aussteigen – mein „Ruf“ eilte mir (obwohl die beschriebene Zeit noch vor der Internetrevolution lag!) überall voraus. Ich hatte das Gefühl 10 Jahre meines Lebens (inkl. Theologiestudium und Dienstzeit) verloren zu haben. Eine Welle von Selbstmitleid überrollte die nächste…

Dazwischen gab es immer wieder Gespräche und „Klärungen“, aber es wurde immer schlimmer.  Ich konnte nächtelang nicht schlafen, war daher permanent übermüdet, depressiv gestimmt und für andere Mitmenschen „ungenießbar“. Ich konnte damals (welch eine Selbsttäuschung!) mit keinem über mein Inneres Erleben reden, weil ich ja ebenfalls noch bis vor Kurzem „zur geistlichen Elite“ gehörte… Ich wollte doch keinen damit „belasten“ wie es mir geht. Ich konnte doch keinem sagen, dass ich damit begonnen habe die Ältesten und deren Systeme (auch theologische) zu hassen. Ich durfte doch keinem sagen, dass ich selbst an Gott zweifle… Das wäre doch das endgültige Ende für mich, oder?

Außerdem fand ich bald heraus, dass dieselben Bibelschulmitarbeiter, denen ich mich anvertraut hatte, selber in einem noch viel größeren Missbrauch an ihrer eigenen Bibelschule beteiligt waren. Ein Missbrauch, der mit einem Selbstmord begann und mit einem dubiosen Mobbing und der anschließenden Kündigung eines Lehrers endete. Ich schlug nur die Hände über meinem Kopf zusammen – wem hatte ich mich da nur anvertraut?

Langsam schimmerte es mir, dass es hier nicht um meine „Irrlehre“ ging. Ein „prophetisch Begabter“ Freund sagte mir das schon gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen, dass es hier um Neid und Anerkennung ginge und nicht um Irrlehre. Aber ich als „charismatischer Irrlehrer“ hatte gar keine Erfahrung mit Prophetie und somit tat ich es als „Versschwörungstheorie“ eines guten Freundes ab, der mich schützen wollte – ist das nicht eine Ironie? Es sollte sich später tatsächlich herausstellen, dass ich ein „verurteilter Charismatiker“ war, der keine Ahnung von der „geistlichen Welt“ hatte…

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