Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken V

Ich hoffe wir können auch bereits erahnen, was geistlicher Missbrauch nicht ist. Es geht, meiner Ansicht nach, eine ernsthafte Gefahr von der „Psychologisierung der Gesellschaft“ aus. Was meine ich damit, bezogen auf gM? Ich habe inzwischen fast alles über gM gelesen und gehört und ich habe nicht selten den Eindruck, dass Christen nun ein neues Schlagwort (man kann auch sagen: eine neue Ausrede) gefunden haben, um ihr eigenes Fehlverhalten „psychologisch zu kaschieren“. Ich weiß, dass das einigen nicht passt, aber es ist leider so – auch die „Psychlologie des gM“ kann dazu verwendet werden, andere zu manipulieren und zu missbrauchen. Wie meine ich das? Nicht alles, was von einigen Christen für gM ausgegeben wird, ist auch tatsächlich gM!

Hier einige Beispiele:

  • Ein starker Leiter, der mit der Gemeinde eine klar definierte Vision und Mission verfolgt (vorausgesetzt sie ist biblisch). Da gibt es aber einige Gemeindegleider, die „innerlich nicht mitgehen können“ und sich nicht „ernst genommen fühlen“. Ihnen passen der Stil, die Musik, das Theater und die Menschen nicht, die nun ihre Plätze in der Kirche besetzen. Solange diese Mitglieder nicht gemobbt und ungeistlich behandelt werden, liegt angesichts einer starken Leiterschaft noch kein gM vor. Die Voraussetzung ist, das Vision und Mission klar und für jeden verständlich kommuniziert werden und jeder, der diese nicht unterstützen kann/will die volle Freiheit hat (ohne geistlichen Druck!), sich nach Alternativen umzuschauen. Ich kenne allerdings viele Christen, die das schon gM nennen würden…
  • In einer Gruppe gibt es jemanden, der in Sünde lebt und ein anderer versucht, ihn liebevoll darauf aufmerksam zu machen. Das ist noch kein gM! Mir ist bewußt, dass der Auftrag der sog. „Gemeindedisziplin“ nach Matth. 18 ein heikler und schwieriger ist. Ich kenne auch aus meinem eigenen Gemeindehintergrund genug Fälle, wo Menschen im „Namen der Gemeindezucht“ geistlich missbraucht wurden. Aber jemanden liebevoll und aus einem herzlichen Anliegen des „Gewinnen-Wollens“ (so die ganze Intention von Mtth. 18) zu korrigieren, ist an sich noch kein gM.
  • Das ist jemand in einem Dienstbereich in der Gemeinde (Ältester, Diakon, Musikleiter), der etweder nicht dazu befähigt, oder seine Aufgabe nur lässig, oder gar nicht wahrnimmt. Jemand, der mit anderen hart und unfair umgeht. Nun findet ein offenes Gespräch mit dieser Person statt, in dem auf die Dinge hingewiesen wird. Es wird versucht entweder nach Alternativen (im Fall der Begabung), oder nach Ursachen (im Fall von Versagen) zu suchen, um dieser Person eine Neuorientierung zu ermöglichen. Auch das ist an sich noch kein gM. Zum gM wird die Situation erst, wenn man versucht „mit (pseudo)geistlichen Mitteln“ jemanden in die Enge zu treben, bloszustellen, klein zu machen, … Kontinuierliche „Personalförderung“ – oft ein Fremdwort in Gemeinden – ist meiner Ansicht nach der beste Weg, um gM zu vermeiden.

Nun zu meiner 4. Phase: Eskalation

Nach ca. 1,5 Jahren seit der ersten Anklage als „Irrlehrer“, es war gerade kurz vor Weihnachten, kam einer der Ältesten unangemeldet zu mir nach Hause. Zu dem Zeitpunkt war ich schon so vorsichtig (und verunsichert), dass ich keine Gespräche mit den Ältesten unter 4 Augen führte – ich habe immer jemanden als Zeuge bei mir gehabt. Der besagte Älteste erzählte mir, dass er gerade dabei war, eine Vortragsreihen über den Heiligen Geist zu hören. Dabei hätte der HG ihn einer „Sache“ überführt, über die er mit mir reden wollte. Er berichtete: seit dem Zeitpunkt der Gemeindegründung wäre er neidisch auf mich gewesen, er beneidete meine Predigtkunst, meine Lehrfähigkeit und im Besonderen, wie ich bei Jugendlichen ankomme. Daher kam ihm meine Absetzung als Ältester sehr gelegen, um mich loszuwerden. Nun tat er in den letzten Monaten alles, damit ich nie wieder Ältester der Gemeinde würde. Er bat mich unter Tränen um Vergebung, die ich ihm dann auch gewährte. Ich war geschockt und erleichtert zugleich. Solche „niederen“ Motive hätte ich diesem Ältesten nicht zugetraut. Aber auch erleichtert darüber, dass nun alles (erinnert ihr euch noch an die Aussage meines „prophetisch begabten“ Freundes?) raus und geklärt ist – nun würde (so dachte ich zumindest) eine große Wende in meiner Geschichte eintreten. Wir verabschiedeten uns mit einer herzlichen Umarmung und ich dachte (und erwartete!), dass nun natürlich auch die Gemeinde etwas von dieser „Buße“ und Umkehr des Ältesten erfährt. Falsch gedacht!

Es vergingen ca. 2 Monate und damit 2 Gemeindestunden (für Outsider: das sind spezielle Versammlungen von nur Gemeindegliedern, um innergemeindliche Angelegenheiten zu klären – so was wie Vereinssitzungen) und nichts passierte. Dann rief ich diesen Bruder an und bat ihn, seine Umkehr doch auch der Gemeinde mitzuteilen. Meine Vorsicht veranlasste mich, dieses Telefonat aufzuzeichnen. Er erwiderte mir mit einem strickten NEIN. Die Gemeinde müsse davon nicht wissen, es ginge nur ihn, Gott und mich etwas an… Ich versucht ihm zu erklären, dass ich sehr daran interessiert war, wieder rehabilitiert zu werden und dass sein Fehlverhalten das bis jetzt mit verhindert hat. Nein, er weigerte sich, mit seiner „Buße“ vor die Gemeinde zu gehen.

Ich war wirklich sauer, verletzt und enttäuscht. Noch in der selben Woche rief ich den Gemeindevorstand und den besagten Ältesten zu mir nach Hause. Ich erzählze dem Vorstand von der vorweihnachtlichen „Buße“ des einen Ältesten und bat ihn es vor die Gemeinde zu bringen. Der Älteste saß mir gegenüber und sagte: „Ich war nie bei Dir und habe über diese Dinge auch nie Buße getan…“ Ich glaubte nicht, was ich da hörte. Aber ich hatte ja die Aufzeichnung unseres letzten Telefonats… Ich fragte ihn: „Darf ich die Aufzeichnung des letzten Telefonats hier heute Abend abspielen?“ Er wurde rot, grün und blau im Gesicht und erst danach gab er zu bei mir gewesen zu sein und über die besagten Dinge Buße getan zu haben. Ich bat nun den Vorstand, diese Dinge der Gemeinde mitzuteilen (zur Info: der Vorstand bestand z.T. aus Mitarbeitern derselben Bibelschule, wo gerade ein viel heftigerer Fall von gM wütete). Was denkt ihr ist danach passiert? Richtig! Nichts!

Danach wußte ich, dass ich schon zu lange in dieser Gemeinde bin und mir Dinge gefallen lasse, die weder für mich, noch für meine Frau (inzwischen hatte ich geheiratet), noch für alle Beteiligten gut und gesund sind. So entschlossen wir uns, die Gemeinde zu verlassen. Wir gingen zu einer der nächsten Gemeindestunden und meldeten uns einfach ab. (Zur Erklärung: Aus dem Gemeindehintergrund aus dem ich komme, legt man einen großen Wert auf 2 Dinge: 1. dass man in „Frieden“ geht und 2. dass man immer angibt, in welche Gemeinde man wechselt). Nun ich ging nicht „in Frieden“ – das wussten zumindest die Ältesten und der Vorstand. Aber auf der Gemeindestunde wurde ich mit großem „Traram“ „in Frieden“ entlassen – man bedenke auch, dass immer noch der Vorwurf der Irrlehre auf mir lastete. Und zweitens interessierte es plötzlich auch keinen, ob wir uns einer anderen Gemeinde anschließen wollten oder nicht. Mein Endruck: Jeder aus dem Vorstand war nun froh, dass sie das „Problem“ los waren.

Wer nun glaubt, dass die Geschichte aus ist… täuscht sich. Auf der nächsten Gemeindestunde, auf der wir ja schon nicht da waren, weil wir „in Frieden entlassen“ worden waren, sind wir im Nachhinein ausgeschlossen worden. Na ja, er war nicht ausdrücklich von „Ausschluß“ die Rede… Alle Ältesten stellten sich vor die Gemeinde und bewarfen mich mit „Dreck“ und klagten mich „Dinge“ an, die sie mir persönlich nie gesagt haben. Das war für uns viel schlimmer als ein Ausschluß, das war ein gemeiner Rausschmiß, ein Nachtreten für jemanden, der sich weder wehren noch für sich ein Wort ergreifen konnte. Und das schlimmste war: der Älteste, der vor Weihnachten bei mir war, war einer der eifrigsten beim Nachtreten und er blieb auch noch in Amt und Würden.

Als ich aus der Gemeinde raus war, fühlte ich mich zunächst wie ein aus dem Gefängnis Befreiter…

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3 Antworten zu “Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken V

  1. Hey Jaasch,
    die Fakten machen uns erneut betroffen. Besonders meine Frau fühlt mit euch mit, auch wenn ihr es schon verschmerzt habt.
    Ich will dir aber nochmal sagen, dass dein „Ruf“ dir wirklich vorausgeeilt ist, weiter als es deine Vorträge getan hätten. Ich habe mich davon „rufen“ lassen, nach mehr Wahrheit in Bezug auf Gabe zu suchen. Und ich bin sicher nicht der einzige.
    Bewundere deinen Mut, die Geschicht auszugraben, finde ich gut.
    be blessed

  2. Oh je, da kann ich richtig mitfühlen…
    Ich bekam über meine Erlebnisse mit dem Thema „Geistlicher Missbrauch“ glaube ich erst dann einen einigermaßen Frieden als ich erkannte, dass wir es oft nicht mit einem Kampf „gegen“ Menschen zu tun haben, sondern gegen den Teufel. Anders kann ich mir bis heute viele Dinge nicht logisch erklären…

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