Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken VI

Geistlicher Missbrauch ist überall möglich, in Gemeinden, Missionswerken, Bibelschulen, ja sogar in der intimen Zelle einer Familie. Dabei können Leiter ihre „Untergebenen“, oder ganze Gruppen missbrauchen, die Gemeinde (oder allg. eine Gruppe) kann Leiter missbrauchen oder einzelne Personen andere Individuen.

Einige haben Bedenken, den gM wirklich „Missbrauch“ zu nennen, weil das zu sehr in Richtung „sexueller Missbrauch“ interpretiert wird (manchmal, wie HIER, geschehen tragischer weise beide Missbräuche auch auf einmal). Aber dieselben „Mechanismen“ wie beim sexuellen Missbrauch, greifen auch beim gM. Jemand nutzt seine Vorrangstellung, Macht, Autorität, Vertrauenswürdigkeit, seinen Einfluss und sein Vertrauen, um eine andere Person zu manipulieren, zu degradieren, zu benutzen, zu erpressen oder zu unterdrücken. Der Vertrauensverlust, der beim gM noch dazu kommt, ist aber viel verheerender. Hier wird „im Namen Gottes“ gehandelt, daher wird bei einer gM-Situation automatisch auch das Gottesbild und die gesamte „Theologie“ tief erschüttert.

Die 5. Phase: Aufdeckung hat es bei mir nicht gegeben. Ich könnte sagen, dass die Ältesten der Gemeinde damals alles unternahmen, um diese missbräuchlichen Prozesse geheim zu halten, aber auch ich selber tat nichts, um öffentlich (in der Gemeinde) „aufzuschreien“.  Allerdings muss ich sagen, dass es mindestens 15 Personen gab (einige auch außerhalb des Vorstands), die um die Machenschaften bescheid wussten. Daher kam ich relativ bald in die 6. Phase: Chaos!

Was geht im Chaos ab? Warum kann jemand im geistlichen Amt bleiben, der ein A… ist? Wie kann eine „christliche Gemeinde“, es überhaupt ertragen, dass jemand (in dessen Abwesenheit) von den Ältesten mit Dreck beworfen wird? Gott, wo bist Du? Gemeinde ist der letzte Dreck! Ich bin allein gelassen worden! Gott, warum hast sogar Du mich verlassen? Warum schaust Du bei solch einer Ungerechtigkeit zu und schweigst? Ich bin verbittert! Vergeben? Keiner von denen hat es verdient! Sie wollen nur Vergebung für die eigene Gewissensberuhigung… Das sind alles fromme Heuchler… Ich bin verletzt, verwundet und blute… Ich schreie, aber keiner kommt mir zu Hilfe…

In einer Hamburger U-Bahn las ich: „Hier wurde eine Frau von 9 Männern vergewaltigt – 8 davon sahen zu“. Ich entwickelte daher eine starke Antipatie für alles, das Gemeinde hieß… Einer meiner besten Freunde (und Gleichgesinnter) aus der Gemeinde wurde dann später ebenfalls aus seinem Amt entlassen. Die Begründung der Ältesten lautete (aufgrund einer gründlichen Exegese eines Bibelschullehrers!): „Im Timotheusbrief steht, dass ein Ältester/Diakon verheiratet sein und Kinder haben muss. Da beide Dinge auf Bruder X nicht zutreffen, kann er nicht mehr im Amt bleiben.“ Mir platzte der Kragen – da ich von Griechisch und Exegese auch etwas verstehe! Ich ging zu dem betreffenden Biblelschullehrer und stellte ihn zur Rede: „Wie kannst Du vor den Ältesten der Gemeinde nur einen solchen Schund exegesieren? Du weißt als Exeget, dass die Intention imText eine eindeutig andere ist… ´falls jemand verheiratet ist, dann nur mit einer Frau…, falls jemand Kinder hat, sollten sie im Gehorsam…“ Er schaute mich an und sagte: „Ja, das ist richtig, aber die Ältesten wollten die andere Auslegungsvariante haben und so gab ich sie ihnen“. Dann drehte er sich weg und ging einfach. Was hatte ich da gerade gehört? Die Kräfte des Chaos waren wieder entfacht. Es verging kaum eine Woche, wo ich nicht ähnliche „Klöpse“ zu Ohren bekam und ich habe mir nicht früh genug Grenzen gesetzt.

Grenzen ist überhaupt ein Stichpunkt beim gM! Der Grundcharakter jeglichen Missbrauchs ist „unerlaubte, gewaltsame, oder unkontrollierte Grenzüberschreitung“. Die Opfer schützen sich nicht früh genug nach dem ersten Überfall und erlauben dann immer und immer wieder solche „Übergriffe“. Das habe ich auch getan und meinen Chaos dadurch genährt.

Das Chaos nahm mir mein Vertrauen, meinen inneren Frieden und innere Ordnung, „meine Theologie“, z. T. auch meine Freunde, meine Gemeinde, die ich einst innig liebte, mein gewohntes Umfeld, meine „Berufung“ – alles, was mir einst lieb und teuer war. Als der Hurrican vorbei war, ließ er eine Ruine zurück… Ich musste mein Leben (und meinen Glauben) nun wieder ganz neu aufbauen.

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8 Antworten zu “Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken VI

  1. Geistlicher Missbrauch ist so enttäuschend, weil es Menschen mit einem offensichtlichen Nähe-Distanz-Problem trifft. Es sind ähnlich gutgläubige Menschen, die dafür anfällig sind. Dies habe ich im ‚PF-16-Test meiner Seelsorgeausbildung gelernt.

  2. Hallo Andi,

    Buße ist immer sehr gut und nie ein böser Gedanke (!), ausser wenn die Aufforderung dazu anonym, unvermittelt und ohne konkreten persönlichen Kontext geschieht.

    Gruß, Jacob

  3. Hi Jacob!

    überprüfe dein Herz aber nicht mit deinem Gefühl, sondern mit dem Wort Gottes. Buße ist möglich.

    Das ist kein böser Gedanke.

    Andi

  4. Mich würde interessieren, welche Schlüsse über Leitungsstrukturen in einer Gemeinde du aus diesen schmerzvollen Erfahrungen gezogen hast. Wie kann eine geistliche Leiterschaft mit gegenseitiger verantwortlichkeit praktiziert werden?

  5. Noch was: Feigheit bzw. Konflitkscheue ist offenbar in ziemlich vielen christlichen Gemeinden weit verbreitet. Das kann Geistlichen Missbrauch natürlich ungemein fördern bzw. dessen Aufdeckung verhindern.
    Leider wird Mut als christliche Tugend in unserer heutigen Zeit (zumindest in den „freien“ Ländern) wohl nicht mehr so wichtig angesehen wie zur Zeit der Christenverfolgungen.

  6. Nur so nebenbei: Mal endlich jemand, der die Bibelstellen zum Thema Ältester und Familie (m.E.) richtig versteht. Ich kenne die seltsame Verdrehung leider auch aus meiner früheren Gemeinde.

  7. Hey Jacob!

    Ich bin echt wieder mal schockiert über die hässliche Politik in unseren Gemeinden. Ich könnte kotzen. Danke trotzdem und Gottes Segen!

    Meldest du dich nochmal? Wir wollten uns ja irgendwann mal treffen?

    Daniel

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