Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken VII

Zu der 6. Phase: CHAOS wäre (wie zu den anderen ebenfalls) noch viel mehr zu sagen, aber das würde den Rahmen eines Blogs sprengen – vielleicht wäre ein Buch dazu besser… Aber in dieser Phase wird man solchen Turbulenzen ausgesetzt, dass man selber nicht mehr weiß, wo oben und wo unten ist. Wie im Sturzflug, fallen hier sämtliche Systeme aus – (der Autopilot fällt schon sehr früh und spätestens in Phase 2 aus!):

  • das Wertesystem fällt aus (man wird dauernd mit Lügen und Halbwahrheiten konfrontiert),
  • das persönliche Glaubenssystem versagt (weil „geistliche Leiter“ im Namen Gottes falsche Dinge tun, lehren und leben),
  • das theologische System bröckelt zunehmend (die eigene Theologie kommt z. T. daher ins Wanken, weil man sieht, dass sie eigentlich kraftlos ist),
  • das wichtige Selbstschutzsystem klemmt (man realisiert zu spät die gewaltsamen Grenzüberschreitungen der Täter, die dann zu ihrem „Gewohnheitsrecht“ werden),
  • man fällt natürlich auch selber aus dem „Kirchensystem“, das man ja z. T. selber geschaffen hat (zumindest in meinem Fall),
  • das eigene „Berufungssystem“ zerbricht,
  • man fällt damit auch aus einem Sozialsystem (die Gemeinde ist einerseits ja auch im positiven Sinne „eine Familie“ – diese Familie verliert man mehr und mehr, bis man ihr gegenüber total entfremdet ist)
  • und man hat auch sehr lange den Eindruck, dass man aus dem „Gnadensystem“ Gottes (OK, das ist eine eigene, unglückliche Wortkreation, um den Suffix -system durchgängig beizubehalten 😉 ) ausgeschieden ist. Die „geistlichen Leiter“ sehen es alle so, eine ganze Gemeinde sieht es so, dein Umfeld sieht es so – da muss doch was Wahres dran sein, oder?
  • Nach 2 Jahren voller Angriffe und Kampf ist man außerdem körperlich, geistlich und psychisch einfach FERTIG!

Aber wenn man auch aus der GNADE BEI MENSCHEN gefallen ist, ist man trotzdem NICHT AUS DER GNADE GOTTES gefallen! Wenn einem das mitten im Chaos wieder aufleuchtet, dann kommt man so langsam in die

7. Phase: Wiederherstellung!

Obwohl die Ereignisse, über die ich schreibe, schon vor mehr als 10 Jahren stattgefunden haben, wage ich es nicht zu behaupten, dass bei mir die letzte Phase schon abgeschlossen ist. Ich bin immer noch auf dem Weg der Wiederherstellung und ich genieße diesen Weg inzwischen… Ich habe viel Gnade und Heilung von Gott empfangen und empfange sie immer noch. So kann ich nur einige Wegmarkierungen aufzeichnen, die bei meiner Wiederherstellung zu Meilensteinen geworden sind.

  1. Eines der wichtigsten Meilensteine war die Trennung vom „missbrauchenden System“ – die Gemeinde. Bitte versteht mich nicht falsch – nicht jeder in dieser Gemeinde war an dem Missbrauch beteiligt und ich habe immer noch sehr liebe Menschen aus dieser Gemeinde zu Freunden. Aber das, was die Leiter, zumindest zu dem Zeitpunkt, aus der Gemeinde gemacht haben, war und ist ein „missbrauchendes System“. Ich kann jedermann, der vielleicht auch gerade beim Lesen dieses Blogs merkt, dass er Teil eines solchen Systems ist (ob Du nun selber, oder andere missbraucht werden, ist kein Unterschied!), nur raten: RAUS! RAUS! RAUS! Ich selber bin zu lange drin geblieben und mir dadurch einige Schrammen durch eigenes Verschulden zugefügt… Aber es gibt für dieses 3fache RAUS! auch noch einen wichtigeren Grund als Schmerzvermeidung. Es ist so, wie in einer Familie mit andauernder Gewaltanwendung  – das Ergebnis sind meistens traumatisierte Kinder. Ich drücke das mal so aus: Du absolvierst mit einer 1+ in einem Fach (Gewalt), das Du gar nicht belegen solltest! Da wir Menschen sehr komplexe Wesen sind und nicht in erster Linie von unserem Bewußtsein gesteuert werden, ist hier meine Frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Du das perfekt Erlernte in Deinem Leben auch anwenden wirst? Genau! Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch! Und die Wahrscheinlichkeit liegt um die 100%, wenn Du nun sagst: Ich werde nie so werden, wie… Nach dieser Trennung vom „Gemeindesystem“ waren wir 7 Jahre in keiner Gemeinde. Im Nachhinein kann ich auf diese Zeit nur mit Dankbarkeit zurückschauen. Ich kann hier nicht alles wiedergeben, was ich gelernt habe. Hätte man mich aber vor 10 Jahren gefragt, was Gemeinde ist, hätte ich gewiss wie dieser Fischvater geantwortet, der seinem Filius die Welt erklären wollte: Die Welt, mein Sohn, ist wie ein großes Aquarium! Mein Gemeindeverständnis war sehr stark von meinem eigenen sozio-kulturellen Hintergrund geprägt, und daher zu eng, imperialistisch, zentripetal und zu engstirnig. Ich kannte keine „Theologie des Reiches Gottes“ und das sehe ich heute als die größte Schwäche der Gemeinde an… das wäre vielleicht ein Thema für eine nächste Postserie 😉
  2. Des weiteren habe ich mich von meinem Lebensentwurf verabschieden müssen. Mir hat der „geistliche Dienst“ wirklich Spass (ich vermeinde bewußt das frömmere Wort Freude!) gemacht. Ich habe gerne sowohl studiert, als auch gelehrt, andere angeleitet, Seelsorge gemacht, usw. Deshalb habe ich Theologie studiert, und ich habe meinen Dienst „sehr ernst“ genommen – das war es, was ich immer machen wollte! Nun war alles aus – ein (exkommunizierter) Häretiker im pastoralen/theologischen Dienst ist genauso sehr wünschenswert wie eine Schraube im Kopf oder eine erotische Schlafzimmergarnitur im Vatikan. Dieser Abschied fiel mir von allen anderen am schwersten. Ich begann eine Umschulung in der damals noch boomenden IT-Branche und arbeite nun schon seit fast 10 Jahren als Informatiker in einem großen Unternehmen.
  3. Der gebührende Abstand von Theologie war für die Zeit der Heilung sehr wichtig. Der große Teil „meiner Theologie“ war sowieso zusammengebrochen und ich konnte und wollte nicht in Ruinen wohnen. Später (nach ca. 4 Jahren) habe ich wieder angefangen, intensiv theologisch zu arbeiten. Ich begann viele neue Dinge zu sehen und zu erkennen, für die ich früher blind war – weil ich selber im „System“ gefangen war… MATRIX lässt grüßen! Da ich nun schon als „Charismatiker“ verschrien war, habe ich nun wirklich eine „Grenzüberschreitung“ gewagt und welche kennengelernt. Meine „geistliche Blindheit“ hat mir damals sehr zu schaffen gemacht: von Geisterunterscheidung, Prophetie, Wort der Erkenntnis, usw. hatte ich keinen blassen Schimmer. Inzwischen hat sich auch hier einiges geändert…
  4. Ich musste neu Vergebung lernen – die Art von Vergebung, die für jeden von uns am schwierigsten ist: der einseitige Akt des Zuspruchs der Vergebung, um den keiner bittet, nach dem keiner fragt und den keiner interessiert. Aber der Betroffene selber braucht diesen Akt der Vergebung, um los zu lassen und frei zu werden. Ich habe zuvor sehr viele Dunkle Seiten meiner eigenen Seele entdeckt und den Becher der Bitterkeit bis zum Erbrechen geleert. Ich habe in die  Abgründe meines Herzens geschaut und was ich da entdeckt habe, hat mir nicht gefallen. Ich weiß, was es heißt zu vergeben und ich weiß, was es heißt seine Feinde zu lieben – das ist für mich keine „Theologie“ mehr. Hier habe ich viel Gnade erlebt…
  5. Dallas Willard definiert Realität an einer Stelle so: Realität ist das, wenn Du mit deinem Kopf gegen die Wand läufst! Und ich bin wirklich aufgewacht! Vieles an unserem Glauben (respektive Theologie) ist eher ein Traum als Wirklichkeit und sehr, sehr realitätsfremd. Wir haben (ich muss sagen: Ich hatte…) einen Glauben in den Gemeinden entwickelt, der sowohl realitäts- wie auch bibelfern ist (das fatale dabei ist, dass wir tatsächlich glauben, DIE letzten Bibeltreuen im Lande und vor dem Herrn zu sein). Die „richtige Theologie“ und „richtige Bekenntnisse“ sind uns viel wichtiger als „das richtige Leben“. In vielen christlichen Kreisen ist z. B. kein Platz für Sünder, für Gescheiterte, für Ausgestoßene – ich weiß, was Du jetzt denkst… Aber ich sage: In der Thologie zwar JA, aber in der Theopraxie NEIN! Wir sind hart und erbarmungslos gegen Sünde und Sünder  – und das spürst Du erst dann, wenn Du selber in der „Kategorie“ angekommen bist. Wir verurteilen alles und jeden, was nicht in unser „kleinkarriertes Raster“ passt und mit so etwas wie Gnade und Wiederherstellung tun wir uns in unseren frommen Kreisen sehr schwer. Dieser Realität musste ich in die Augen schauen, mich dessen schämen, weil ich ein Teil davon war und ich musste umdenken. Auch hier bin ich noch unterwegs…
  6. … es geht demnächst noch weiter …
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Eine Antwort zu “Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken VII

  1. Lieber Jacob,
    mit dem dreifachen RAUS aus einer missbrauchenden Gemeinde kann ich Dir nur beipflichten. Ich war wirklich sehr froh als mir Gott das „Go“ gegeben hat endlich zu gehen.
    Es war danach zwar keine leichte Zeit, aber das, was ich in dieser Zeit gelernt habe und immer noch lerne ist so wertvoll, dass ich es mit nichts in der Welt eintauschen will.

    Übrigens hast Du eine echte Begabung für’s Schreiben (wie so einige Blogger). Wenn ich das nur so gut könnte…
    Was machst Du denn heute gemeindemäßig so?

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