Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken VIII

Fortsetzung: 7. Phase: Wiederherstellung!

6.  Irgend wann einmal kommt der Zeitpunkt, an dem man realisiert, dass man sich unwiderruflich von dem einen Ufer verabschieden muss, um ans andere zu kommen. Nachdem der spanische Eroberer Hernando Cortez 1519 im heutigen Vera Cruz (Mexiko) landete, ließ er alle Schiffe verbrennen. Er wollte Mexiko um jeden Preis für die spanische Krone erobern und machte damit deutlich, dass es weder für ihn, noch für die Matrosen und Soldaten einen Weg zurück gab. Solche „Schiffsverbrennungen“ sind im Prozess der Wiederherstellung sehr wichtig. Tom Peters sagt dazu:  „A little (or more) boat burning would do many enterprises a world of good.“ Man muss sich nicht nur von „Altem“ trennen, um „Neues“ zu erobern, man muss sich auch von falschen „Träumen, Erwartungen und Vorstellungen“ trennen. Eines meiner Träume war z. B. der Traum von der Rehabilitation und der ging so: Eines Tages würde die Gemeinde alle Missverständnisse und Missbräuche einsehen, aufdecken und bereinigen, dann würde ich wieder völlig rehabilitiert und in meinen Dienst eingesetzt werden und alles würde zu einem „Happy End“ kumulieren. Oder da war die Erwartung, dass jemand kommt und um Vergebung/Versöhnung bittet… Von all diesen Dingen muss man sich innerlich und äußerlich verabschieden, sonst gibt es keine Veränderung.

7. Wenn man sich vom Alten bereits verabschiedet hat und beim Neuen noch nicht angekommen ist, ist man wie in der Schwebe… Man kommt in ein „unkartographiertes Gebiet“ – keine Pfade, keine Straßen, keine vertrauten Orientierungspunkte – alles ist unbekannt. Zwischen Ägypten und Kanaan liegt die Wüste und da musste ich durch. Eine „Wüstenerfahrung“ definiere ich am besten mit einem Bild: Es ist so, wie eine Trapeznummer im Zirkus. Während man sich schon von dem ersten Trapez gelöst hat, hat man das zweite noch nicht erreicht. Und dieser Zustand des „In-Der-Luft-Hängens“ zwischen zwei Trapezschaukeln umschreibt am besten diesen Part des Veränderungsprozesses. Charakteristisch für diese Phase sind: Spannung, Unsicherheit, Angst, Nervosität, aber auch Vertrauen, Glauben, neue Erkenntnise und Erfahrungen, neue Hoffnung, usw.

8. In dieser Zeit habe ich auch meine ersten „charismatischen Erfahrungen“ gemacht. Ich habe viele Gruppierungen und Gemeinden kennen gelernt, die ich sonst nieeeeeeeee besuchen würde. Aber ist der Ruf schon ruiniert… – ich hatte nichts mehr zu verlieren und konnte jetzt nur noch gewinnen… und ich habe in dieser Zeit sehr viel gewonnen, viel mehr als ich je verloren habe. Ich bin theologisch sehr konservativ aufgewachsen, dazu studierte ich noch in einer sehr konservativen theologischen Einrichtung (das wichtigste, was ich hier gelernt hatte, waren die Ursprachen und die Liebe zum Wort Gottes!). Ich musste nun vieles von dieser „meiner Theologie“ auf die Waage legen und feststellen müssen: Mene mene tekel u-pharsin… gewogen und zu leicht erfunden. Viele meiner klassischen Überzeugungen zu Soteriologie, Pneumatologie, Ekklesiologie, Eschatologie, eig. Theologie, Christologie, usw, haben sich grundlegend geändert, erweitert oder neue Formen angenommen. Aber auch hier bin ich noch unterwegs…

9. Wiederherstellung ist ein großes Wort, das viele hoffnungsvolle, wie auch falsche Assoziationen weckt. Aber genauso, wie bei dem Wiederaufbau des Tempels unter Esra, liegen auch hier Tränen und Freude sehr nahe beieinander. Wiederherstellung eines Menschen wird nie so aussehen können, dass das „Alte“ wiederhergestellt und in den ursprünglichen Zustand versetzt wird – das kann man mit einem PC/Server mittels Imageübertragung machen, aber nicht bei einer Person. Beim letzteren hat Wiederherstellung vielmehr mit Heilung zu tun, aber man wird nie wieder derselbe sein können und wollen. Bei einer meiner Reisen traf ich einen evangelscihen Pastor, dem ich meine Geschichte erzählte. Er hörte mir geduldig zu und sagte dann zum Schluss (damals für mich sehr schockierend unpastoral): Weißt Du was, Gott macht aus Scheiße Humus! Das war sein einziger Kommentar. Diese Worte haben sich tief in mein Herz eingebrannt. Jedes mal, wenn die Dinge für mich wirklich besch… liefen, sagte ich mir: Gott macht aus Scheiße Humus! Das war für mich für die Zeit die wichtigste Predigt!

10. Daher kann ich sagen, dass mir diese Zeit sehr wertvoll war und ist. Ich habe sehr vieles gelernt – viel mehr als in meiner akademischen Zeit. Ich habe Gott als einen liebenden Vater kennengelernt, der mir in einer Art und Weise begegnet ist, wie ich es vorher nicht kannte. Wichtige theologische Konzepte haben sich tief in mein Inneres eingebrannt – sie sind für mich nicht nur Theologie – auch das ist das Ergebnis einer Feuertaufe. Ich habe Gottes „Branding“ bekommen. An dieser Stelle muss man alledings vorsichtig sein: das, was beim gM seitens der Täter passiert, ist falsch, falsch und nochmals falsch! Das wird durch die positiven Lektionen, die Gott einem trotzdem gibt, nicht anders. Aber Gott kann selbst das „Falsche, Ungerechte, Schmerzvolle“ benutzen, um etwas gutes daraus entstehen zu lassen. Luzifer bleibt auch nach der Widerherstellung Hiobs der alte Luzifer, aber Gott bleibt in der Erfahrung Hiobs nicht mehr derselbe.

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3 Antworten zu “Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken VIII

  1. hallo, wir haben heute abend alle deine blogs zum gM gelesen und sind wieder total entsetzt was damals alles passiert ist (im Hintergrund).
    wir sind auch traurig über unsere eigene Blindheit in der wir damals lebten und uns nicht mehr für dich eingesetzt haben. Jetzt wo man aus dieser „sub cultur“ draussen ist, sieht man wie eingeschränkt wir alle gelebt haben in dieser art von Gemeinde Struktur…ridicules!!!
    Aber GOTT ist gut und gnädig, wir erleben IHN auch ganz neu und powerful!!!
    praise God!!!

    (when is your first book out?)

  2. Das Ganze nochmals, da beim Zitieren vertippt (ist aber so wichtig, dass es durchaus doppelt dastehen kann):

    An dieser Stelle muss man alledings vorsichtig sein: das, was beim gM seitens der Täter passiert, ist falsch, falsch und nochmals falsch! Das wird durch die positiven Lektionen, die Gott einem trotzdem gibt, nicht anders. Aber Gott kann selbst das “falsche, ungerechte, schmerzvolle” benutzen, um etwas gutes daraus entstehen zu lassen.

    Das ist eine SEHR wichtige Aussage.
    Alles Gute und viel Segen von unserem Gott, Jacob!

  3. An dieser Stelle muss man alledings vorsichtig sein: das, was beim gM seitens der Täter passiert, ist falsch, falsch und nochmals falsch! Das wird durch die positiven Lektionen, die Gott einem trotzdem gibt, nicht anders. Aber Gott kann selbst das “falsche, ungerechte, schmerzvolle” benutzen, um etwas gutes daraus entstehen zu lassen.
    Das ist eine SEHR wichtige Aussage.
    Alles Gute und viel Segen von unserem Gott, Jacob!

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