Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken IX

Welche Schlussfolgerungen oder Lektionen habe ich aus den Erfahrungen des gM gezogen/gelernt? Sehr viele und wertvolle. Meine eigenen Lektionen habe ich bereits in der Serie I-VIII dargestellt. Jetzt geht es mir darum, was Gemeinden, Werke, Bibelschulen etc. lernen könnten/sollten, um gM zu vermeiden und, wenn solcher bereits geschehen ist, gM zu heilen.

  1. Das Thema „Geistlicher Missbrauch“ muss in Gemeinden/Werken offen, ehrlich und vor allem seelsorgerlich aufgearbeitet werden. Ich habe inzwischen ein Heer von Missionaren, Bibelschullehrern, Pastoren und Christen kennengelernt, die gM durchgemacht haben. Alle haben eines zusammen: sie haben in ihrem Umfeld weder Verständnis noch Heilung gefunden. Das muss sich ändern. Dazu müssen aber einige Tabus gebrochen und die Menschen in den Gemeinden sensibilisiert werden.
  2. Des weiteren muss in christlichen Kreisen deutlich über Macht und Machtmissbrauch gelehrt werden. Missbrauchende Kulturen haben sowohl eine Geschichte, als auch eine (auch wenn latente) Strategie, als auch feste Strukturen. Diese oft verdeckten Machenschaften (oft auch euphemistisch Diplomatie genannt) müssen benannt, erkannt und aus christlichen Zirkeln verbannt werden.
  3. „Zirkel“ ist ein weiteres Stichwort – nicht selten haben bibelgläubige Gemeinden „sektiererische Elemente“. Da wird von der Gemeinde als einem „geschlossenen Garten“ theologisiert, als eine „vertraute Familie“, etc., aber alles nur zu einem Zweck: Die völlige Abschottung der Mitglieder gegenüber (der ach so bösen) Welt. Diese Abschottung gilt auch für die Informationspolitik – Geheimhaltung, Geheimniskrämerei verknüpft mit dem Bewusstsein geistlicher Überlegenheit ist der beste Nährboden für gM. Will man aber die Ratten aus dem Garten haben, so muss man ihnen die Nahrungsgrundlage entziehen (z. B.: Komposthaufen). Das ganze „Öko-System“ der Gemeinde muss revolutioniert werden, um dem gM jede Grundlage zu entziehen.
  4. Ich meine auch, dass eine „Schamorientierte Kultur“ (wie sie z. B. in den meisten Aussiedlergemeinden vorherrscht) den gM eher begünstigt, als eine „Schuldorientierte Kultur“. Ich will damit nicht sagen, dass es keinen gM in schuldorientierten Kulturen gibt, aber ich habe durch viele Erfahrungsberichte festgestellt, dass eine Schamkultur gM sehr begünstigt. Eine Gemeinde sollte sich ihrer Kultur zumindest bewusst werden – das wäre schon mal ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstheilungsprozeß. Hier eine kleine Gegenüberstellung beider Kulturen…
  5. Eine kontinuierliche Leiterschaftsentwicklung in dienender Leiterschaft ist bei der Thematik unentbehrlich. Oft sind es traumatisierte Leiter, die von anderen traumatiserten Leitern missbraucht wurden, die andere missbrauchen… Es ist ein Teufelskreis, den man nur bewußt aufarbeiten kann.
  6. Menschen, die gM erfahren haben, brauchen dringend seelsorglich-therapeutische Hilfe, um geheilt zu werden. Ein Netzwerk, ähnlich das der AA, muss her, um einem ganzen Heer von Brüdern und Schwestern zu dienen, die verblutend und verwundet am Straßenrand einer missverstandenen Frömmigkeit liegen geblieben sind. Der amerikanische Gemeindeberater George Barna schätzt laut einer Studie des gleichnamigen Instituts, dass alleine in den USA ca. 20 Mio. Christen keiner Gemeinde mehr angehören. Dass sind keine „abgefallenen Sünder“, oder Christen, die wegen Gemeindedisziplin aus derselben „entfernt“ wurden, sondern es ist inzwischen eine ganze Bewegung: „Out-Of-The-Church-Movement“. Es sind Menschen, die Gott lieben, mit ihm leben und der Welt ein Zeugnis sind, aber sich von jeglicher „Gemeindepolitik“ fernhalten wollen. Hier ein kleiner (engl.) Artikel dazu. Solche Tendenzen beobachte ich seit Jahren auch in Deutschland.
  7. Und 7 ist eine gute Zahl! Gott baut Seine Gemeinde und Er lässt sich weder von seinem Widersacher, noch von „missbrauchenden Systemen“, noch von irgendetwas anderem aufhalten. Wie Gott Israel wegen Unglaube „zur Seite“ gestellt hat, so wird Gott auch „Gemeinden/Werke/Personen“, die sich zwar nach Ihm benennen, aber nicht Seinen Willen tun, zur „Seite stellen“ – aber Er wird Sein Reich bauen: mit uns, manchmal trotz uns und nicht selten auch ohne uns!“Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!“
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9 Antworten zu “Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken IX

  1. also leute,

    ich befürchte, geistlicher machtmissbrauch wird es immer geben, bücher oder aufklärung hin oder her, denn die lieblosigkeit, das haben sicher die meisten schon selber in der bibel gelesen, wir immer mehr zunehmen. nicht bei den ungläubigen, sondern bei den gläubigen fängt das gericht an.
    rette wer sich retten kann !

  2. „hieße ich vielleicht Johannes der Täufer, Jesus, Luther oder Brian McLaren… oder so…“
    Du hast recht, mit irgen-deinem Namen muß die Liste weitergehen. 😉

    Wüsste immer noch gern, ob du das „Raus“ irgendwie differenzierst. Evtl. für eine Situation wo Hoffnug besteht das Feuer zu löschen, oder wenn sich noch Schutzbefohlene im Gebäude befinden?

    Weißt du was die Blondiene tut, wenn im Auto der Motor brennt?
    Sie legt ein Gegenfeuer im Kofferraum.

    Ist ein Verhaltensmuster, dass ich bei gM in Gemeinden mit Abstand am häufigsten beobachtet habe (mich selber eingeschlossen). Ist eigentlich gar nicht lustig.

  3. @Jaasch:
    Stimmt. Ist auch meine Erfahrung!

    Das mit der Nahrungsgrundlage entziehen wird übrigens m.E. nie wirklich (vollständig) funktionieren, da der Mensch einfach mal anfällig für gM ist. Der Mensch selbst mit all seinen Schwächen ist der Nährboden für gM (d.h. NICHT, dass man keine Chance hätte, den Nährboden zu verringern durch Aufklärung etc.)

    Ein gM kann m.E. ohne (bewusst oder unbewusst gM-unterstützende) Menschen nicht funktionieren (von einzelnen Ausnahmen mal abgesehen).

    Auch der gM in Deinem Fall wäre ja wohl automatisch beendet worden, wenn nicht so viele andere „mitgemacht“ und dies verhindert hätten.

    Wären genug (einflussreiche) Leute aus Deiner damaligen gegen den gM aufgestanden, dann wäre das das Ende des gM gewesen. Das war aber nicht der Fall.

    Und so ist es leider häufig (in meinem Fall leider auch).

  4. @Peter: Bei einem brennenden Haus wird sich die Frage nach dem WOHIN sehr schnell klären – wo’s nicht brennt und ich und meine Familie unbeschadet davon kommen. Eine „schäbigere Unterkunft“ für die Zukunft ist immerhin besser als „verbrannt“ zu werden.

    Der Gedanke einer Null-Promille-Grenze ist gar nicht so abwegig. Nach meiner Erfahrung werden heute kaum wirklich neue Gemeinden gegründet, es sind immer nur „Klone“ der alten Gemeinden, die dieselben „Erbkrankheiten“ in der DNA haben… Aber dazu müsste ich mal eine ganze Serie posten…

    Ich glaube, dass das mit den Ratten falsch verstanden worden ist. Es ging mir bei dem Vergleich nur um den Punkt: Will man Ratten weghaben, kann man Fallen stellen, Rattengift streuen oder ihnen die gesamte Nahrungsgrundlage entziehen. Nur die letztere Methode zieht auf Dauer wirklich. Und das ist eine Revolution! Wüsste ich allerdings wie die geht – hieße ich vielleicht Johannes der Täufer, Jesus, Luther oder Brian McLaren… oder so…

  5. Ich sehe das ziemlich ähnlich.
    Neben soziologischen und psychologischen Faktoren, die zu gM führen (können), gibt es aber auch das Problem von einseitiger bzw. falscher christlicher Lehre.
    Denn oft wird gM durch willkürliche oder einfach falsche Auslegung von Bibelstellen „begründet“ bzw. gefördert.

    Ich selbst sehe auch, dass gM eine riesige Bedrohung für die Christenheit ist und das hier dringend fundiert aufgeklärt werden muss.
    Wie geht es jetzt weiter?
    Was können wir konkret tun?
    Schon Ideen?

  6. Hi Jaasch,
    ist ein druckreifer Ansatz geworden.
    Habe mich bei deinem „RAUS, RAUS, RAUS“ in VII-1 gefragt, ob wir dann nicht „die Welt räumen“ müßten. Es ist kontrovers, Gott baut Gemeinde mit und trotz uns, und auf der anderen Seite ist gM so sark verbreitet, dass ich mich frage: Raus ja, aber wohin?
    Und dazu es gibt ein Heer von „Absolventen“.
    Neige dazu Gemeindegründern zu raten, eine Null-Promille-Grenze für „Leute aus anderen Gemeinden“ einzuführen. Ist aber auch nicht wirklich zielführend.
    Wie wahrscheinlich ist eine „Revolution des Gemeinde-Öko-Systems“? Müssten nicht dazu die Ratten den Komposthaufen auflösen?

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