Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken XI

Ich dachte, ich hätte mit dem Thema gM mit meinem 10ten Beitrag abgeschlossen, aber da ging es erst richtig los…

Inzwischen habe ich auch privat einige Mails von Betroffenen bekommen, die mich sehr bewegt und nachdenklich gemacht haben. Das Thema ist auf ein sehr reges Interesse gestoßen und meine Blogbeteiligung ist in dieser Zeit um 410% gestiegen.

Daher habe ich mich dazu entschlossen, hier noch ein paar Zeilen zum gM zu schreiben – speziell zum Thema Vergebung.

1. Vergebung und gM

Vergebung ist immer ein Prozess und je tiefer jemand verletzt worden ist, desto länger kann dieser Prozess dauern. Nun wird gerade in christlichen Gemeinden eine „idealisierte Vergebungstheologie“ proklamiert, die an einigen Stellen problematisch ist. Opfern von Missbrauch wird z. B. gesagt und von ihnen wird erwartet, dass sie sofort und nachhaltig vergeben sollen und wenn nicht, dann… Obwohl an dem Gebot Jesu zur Vergebung (auch an der 70 mal 7 Formel) nicht zu rütteln ist, ist es ein Gesetz, zu dem jeder von uns viel Gnade braucht. An dieser Stelle geht gM oft so weit, dass Vergebung und Versöhnung um jeden Preis „erzwungen“ werden, damit eine Gemeinschaft wieder den „frommen Anschein“ einer „erlösten Schar“ hat. Da werden Bekenntnisse und Gesten (wie herzliche Umarmungen) erwartet, für die die Beteiligten noch Zeit bräuchten.

Vergebung ist ein sehr wichtiger Aspekt bei der Heilung vom gM, aber sehr oft ist es ein ganz anderer Vergebungsweg, als der, der in der Gemeinde irrtümlicherweise erwartet wird.

2. Vergebung und Versöhnung bei gM

Vergebung und Versöhnung sind 2 verschiedene paar Schuhe. Vergebung kann ein Einzelner aussprechen – für eine Versöhnung gehören immer mindestens 2 Personen zu. Vergebung kann passieren, auch wenn keiner wegen eines begangenen Unrechts um Vergebung bittet – eine Versöhnung kann hier allerdings nicht stattfinden. Vergebung ist individuell, Versöhnung kollektiv. Bei der Vergebung entschließt sich jemand freiwillig aufgrund des Gebots und der Gnade Gottes, einem Anderen zu vergeben – auch 70 mal 7, wenn die Erinnerung an das erfahrene Unrecht im Tagesablauf immer wieder aufpoppt. Bei der Versöhnung müssen sich beide Parteien aufeinander zu bewegen, Schritte wagen, Schuld bekennen, Buße tun, Vergebung aussprechen und empfangen, neu Vertrauen gewinnen, um am Ende des Prozesses (wenn´s gut geht!) im Geist, Seele und Leib miteinander versöhnt zu sein. Was passiert aber, wenn der Täter nie um Vergebung bittet und jede Initiative der Versöhnung ausschlägt, wie z. B. sehr oft beim gM? Deine und meine Verantwortung liegen in 2 Bereichen: Vergebung gewähren und Initiative zur Versöhnung zeigen. Echte Vergebung kann aber dann auch ohne Versöhnung stattfinden, wenn der letztere Weg vom Täter nicht gewünscht und konsequent gegangen wird. Hier gibt es in christlichen Kreisen ebenfalls eine große Verwirrung. Die Opfer werden oft dazu aufgefordert, sich um jeden Preis mit den Tätern zu versöhnen, ansonsten sei die Vergebung nicht „echt“. Das führt natürlich wiederum zum gM. Bei einigen Missbrauchserfahrungen (wie Vergewaltigung) kann eine falsche Art von Versöhnung das Opfer wiederum in die Arme der Gewalttäters führen… Hier ist bei aller Liebe viel Vorsicht geboten.

3. Vergeben und Vergessen bei gM

Ein weiteres Mythos über christliche Vergebung besagt: Wenn Du wirklich vergeben hast, musst Du auch vergessen. Oder umgekehrt: Wenn Du nicht vergessen kannst, hast Du auch nicht wirklich vergeben. Missbrauch jeder Art ist eine traumatische Erfahrung, die man sein Leben lang nicht vergisst – so ähnlich wie Terror- oder Kriegserfahrungen. Heißt das, dass die Menschen nie wirklich vergeben können? Ganz bestimmt nicht! Vergessen ist umgekehrt oft der schlimmste Feind echter Vergebung. Vergessen traumatisiert noch mehr, Vergessen ist nicht selten auch Verdrängen, Vergessen ist oft „unter den Teppich“ kehren, Vergessen ist ein passiver Akt, aber Vergebung ist ein aktiver Akt. Gott vergisst nicht unsere Sünden, Er gedenkt ihrer nicht mehr – das ist ein großer Unterschied. Natürlich hat jede Erinnerung an gM seine Fallen, aber diese sind weniger gefährlich wie das Vergessen an sich. Vergessen werden wir einige Dinge nie, aber trotzdem können wir vergeben. Ja, die Qualität der Erinnerung, ist bei solch traumatischen Erlebnissen wie Missbrauch auch immer ein Indikator für den Fortschritt des Heilungsprozesses. Ist meine Erinnerung immer noch überlagert von Schmerz, Bitterkeit und Unvergebenheit? Oder erinnere ich mich mit einem Gefühl und einer Gewissheit des inneren Friedens? Wenn wir uns nicht erinnern, können wir auch nicht geheilt werden. Und selbst wenn uns die Täter ihren Teil der Versöhnung verweigern, muss jedes Opfer eine Versöhnung mit sich, Gott und seiner eigenen Biographie erleben. Wer allerdings vergessen und totschweigen will, wird diesen schmerzhaften Teil seiner Biographie immer ablehnen – aber wir sollten ihn nicht ablehen, sondern annehmen und umarmen.

Daher kann auch ich über meine Erfahrungen reden und schreiben (ich konnte es lange Zeit nicht, ohne wiederholt die Hölle durchzumachen!), weil ich versöhnt bin mit meiner Vergangenheit. Auch in der Bibel finden wir viele „Schuldgeschichten“, die schon längst vergeben waren und trotzdem für immer und alle zur Erinnerung aufgeschrieben wurden. Das beste Beispiel ist vielleicht die Kreuzigung Jesu. Er hat beireits am Kreuz allen seinen Feinden Vergebung aus- und zugesprochen. Aber das hat keinen der Evangelisten davon abgehalten, uns darüber bis ins Detail zu berichten. Ist das Kreuzesgeschehen vergeben? JA! Sollte es vergessen werden? NEIN!

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4 Antworten zu “Geistlicher Missbrauch in christlichen Gemeinden und Werken XI

  1. Pingback: Geistlicher Missbrauch XII « context 21·

  2. @andiwolf:
    Das ist die andere Seite des Themas (beide sind wichtig!). Ich kann dir da aber grundsätzlich voll zustimmen.

    Nur, in der Praxis ist das (in unseren heutigen Gemeinden) oft noch so einfach umzusetzen. Denn da musst du erstmal jemand mit „Autorität“ IN der Gemeinde bzw. Gemeindeverbund finden, der „klar sieht“ und dazu den Mut hat „aufzuräumen“ (ein einzelnes Gemeindemitglied ohne Leitungsvollmacht hat da ja gar nichts zu sagen und wird i.d.R. auch gar nicht gehört).

    Zudem liegt es in der Natur des gMs, dass die Mehrheit der (missbrauchten) Gemeindemitglieder selbst gar keine anderen Leiter haben will (eine Art von „Gehirnwäsche“ ist meist das Ergebnis von gM).

    Die Alternative, dass eine Gemeinde AUSSERHALB des Gemeindeverbunds „eingreift“ fällt auch meist weg, da eine solche Gemeinde (außerhalb des eigenen Gemeindeverbunds) i.d.R. gar nicht als „weisungsbefugt“ oder als ernst zu nehmender Ratgeber angesehen wird.

  3. hallo jaasch. gute gedanken. verstehen kann ich allerdings nicht, warum dieses thema immer so einseitig mit fokus auf das innerseelische erleben des geschädigten behandelt wird. viel spannender finde ich die frage, wie wir uns einer dauerhaft missbrauchenden person gegenüber zu verhalten haben. hier würde ich unbedingt unsere verantwortung zur gegenseitigen zurechtweisung bis hin zum ausschluss aus der gemeinschaft betonen. war es irgendwie bedeutsam ob Paulus (oder die gekränkten hellenischen christen) Petrus „vergeben“ hatte oder war es viel bedeutsamer, dass Paulus aufstand und Petrus öffentlich widerstand. ich glaube, hier haben wir viel eher zu lernen. schuldbewusst und nabelorientiert sind wir doch lang genug gewesen. oder im klartext: das ziel kann nicht sein, dass ich meinen seelenfrieden wahre dadurch, dass ich 70×7 mal dem gM treibenden vergebe. das ziel muss sein, dass der gM treibende öffentlich bloßgestellt und im zweifelsfall aus der gemeinschaft ausgeschlossen wird. wir sind solche weicheier im umgang miteinander, wenn ich das mal sagen darf 🙂 sorry für die einmischung.. LG, andi

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