Geistlicher Missbrauch XII

Im Herbst 2008 begann ich eine Serie zum Thema „Geistlicher Missbrauch“, die sich wie ein Lauffeuer erwies, meine Blogzugriffe wuchsen auf über 400%. Kurze Zeit darauf wurde ich bei einem Forum dazu eingeladen, vor ca. 50 Pastoren (eher aus russlanddeutschem Hintergrund!) zu dem Thema zu referieren.  Inzwischen ist über ein Jahr ins Land gegangen, und ich will hier an dieser Stelle berichten, wie es mir mit dem Thema inzwischen ergeht…

  1. Zunächst einmal bin ich sehr betroffen. Nach den Berichten über meinen eigenen geistlichen Missbrauch (ferner wie gehabt nur gM), meldeten sich bei mir sehr viele Menschen (inzwischen auch weltweit), die ebenfalls gM erlebt haben oder erleben. Einigen dieser Opfer konnte ich seelsorgerlich begleiten und weiterhelfen, einige wollten mir nur ihre Geschichte erzählen (ich habe inzwischen eine ganze „unrühmliche Sammlung“ davon), eine Studentin schreibt gerade darüber eine wissenschaftliche Arbeit (Bereich Anthropologie an einer bekannten deutschen Uni) und hat u. A. meinen „Fall“ als Case-Study genommen, ich durfte inzwischen in einigen Gemeinden & Kreisen Vorträge zu dem Thema halten… Bis heute begleite ich einige Menschen und Gemeinschaften mit der Diagnose sgMT (schweres geistliches Missbrauchs-Trauma). Einige dieser Menschen haben aber leider auch sehr schweren Schaden erlitten, bis hin zum Glaubensverlust und zu schweren (bleibenden) psychischen Schäden. Das Thema hat mich also nicht losgelassen. Daher bin ich immer wieder betroffen davon, dass es in unserem Land ein Heer von Opfern des gM gibt und dass der Leib Jesu heute daran fast verblutet.
  2. Ich fühle aber auch Zorn (und ich fürchte, dass es meistens kein „heiliger“ ist). Zorn darüber, dass man als „Opfer (besser als BETROFFENER)“ in christlichen Kreisen immer von vornherein SCHULDIG ist – dieses Stigma wird man kaum oder nie wieder los. Es betrifft nicht nur das Thema gM. Ich habe in der Seelsorge mit allen möglichen Betroffenen zu tun (sexuelle Gewalt, Scheidung, Gewaltanwendung allg. Natur, falsch verstandene Gemeindezucht…, usw.) und es ist sehr, sehr selten vorgekommen, dass das „christliche Umfeld oder deren Leiter“ die Opfer in Schutz nehmen, sich für sie einsetzen und ihnen Gnade und Erbarmen entgegenbringen… Von Rehabilitation (da wo es nötig und möglich wäre) erstmal ganz zu schweigen! Ich erlebe es in meinem Fall nicht anders… Schon allein die Tatsache, dass ich mein Schweigen „gebrochen“ und über meine Erfahrungen offen geredet, reflektiert und referiert habe, hat andere dazu veranlasst, mich von vornherein SCHULDIG zu sprechen. Das muss jeder Betroffene als Preis auf sich nehmen, wenn man bestimmte Dinge aufdecken oder entlarven will.
  3. Ich sehe aber auch Gottes Gnade und Heilung. Ich erlebe diese Dinge bei mir, aber auch in der Wegbegleitung anderer Menschen. Nichts kann eine persönliche geistliche Erneuerung so sehr begünstigen wie die tiefe, schmerzhafte Erfahrung des eigenen Zerbruchs und der eigenen geistlichen Leere. Der gM kann so eine Grenzerfahrung herbeiführen. Dort in der Tiefe begegnet uns Gott auf Augenhöhe und wir können mit Hiob sagen: Von Hörensagen habe ich von Dir gehört, jetzt aber haben meine Augen Dich gesehen. Und aus dieser Erfahrung der Güte und des Erbarmens Gottes mitten in der „Hölle“ deines Lebens, erwächst eine kühne Überzeugung, die sich durch den Schmerz tief, wie eine unauslöschbare Gravur, in dein Herz ätzt: Wenn ich Gott in der Hölle meines Lebens erleben kann, dann kann ich ihn überall erleben.
  4. Ich erlebe aber auch den Geist der Versöhnung. An einer anderen Stelle habe ich bereits einige Dinge über Vergebung & Versöhnung im Zusammenhang mit gM geschrieben, daher verweise ich hier nur darauf. Versöhnung findet immer nur dort statt, wenn sich (mindestens) zwei Konflikt-Parteien, bewusst und freiwillig, aufeinander zu bewegen, um mittels eines Vergebungs- und Erneuerungsprozesses zum gemeinsam erlebbaren Schalom zu kommen. Einen solchen Moment habe ich erst heute erlebt, als ich einen guten Freund einlud, um mit ihm einige Dinge bez. meines eigenen gM zu klären. Er wies mich in diesem Gespräch z. B. darauf hin, dass ich mich in meinem Blog nur als „Opfer“ darstelle und nicht auch als „Täter“. Das stimmt. Das ist auch das Anliegen meiner Beiträge gewesen, gM aus der Sicht der Betroffenen darzustellen. Bei meinem Vortrag (der ebenfalls für alle zugänglich ist), spreche ich im TEIL III sehr ausführlich und offen über „Systemvoraussetzungen für geistlichen Missbrauch“. Darin erkläre ich auch, dass ich selber Teil eines missbrauchenden Systems war. Auch in der Gemeinde, in der ich gM erlebt habe, habe ich andere zuvor „geistlich missbraucht“. Das ist mir erst später aufgefallen, aber ich habe das missbrauchende System z. T. selber erschaffen. Vieles, was ich damals z. B. als „biblische Gemeindezucht“ praktizierte, war nichts anderes als gM. Und ich habe schon bei den Betroffenen darüber Buße getan und Vergebung empfangen (Hey, ist da noch jemand?)… Ich danke meinem Freund für diesen wichtigen Hinweis!
  5. Ich bin überzeugt, dass mich das Thema noch weiter begleiten wird…
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7 Antworten zu “Geistlicher Missbrauch XII

  1. Ich bin ebenfalls ein Opfer von gM.
    Ich wohne inzwischen weit weg von der Gemeinde und habe jeglichen Kontakt zu den betreffenden Personen abgebrochen.

    Ich habe mich an den Leiter der Gemeinde gewandt, aber meine Aussage zählt nur, wenn ich sie persönlich vortrage.

    Ich weiss nicht, was ich noch tun kann.
    ich kann mich nicht zu erkennen geben.aus vielen gründen.aber in erster linie ist es selbstschutz.

    Mein Glaube wurde mir erst eingetrichtert und dann wieder zerstört. Das Vertrauen in mich, meine Wahrnehmung und das in andere Menschen wurde systematisch zerstört.

    Mein Leben wurde ziemlich kaputt gemacht und ich stehen allein da.
    Ich kann mit niemandem reden.

    Ich bin allein und verlassen.

  2. Hallo,
    ich bin froh darüber, dass endlich jemand aus den russlanddeutschen Reihen das Schweigen bricht! Danke!
    Ich hab gelesen, dass man hier das Buch „Geistlicher Missbrauch“ von D. Johnson und J. VanVorderen bestellen kann. Ist das richtig? Ich bin sehr auf der Suche danach und noch nicht bereit 35 Euro dafür bei Amazon zu zahlen.
    Würd mich über eine Antwort sehr freuen.
    Liebe Grüße, Nelli

  3. Hallo Jacob! Du hast Recht, die Schuldgefühle gehen nicht von alleine weg. Sie gehen auch nicht so schnell weg, wie man es gerne hätte. Es dauert aber auch verd….. lange bis man begreift, das so wie es läuft nicht richtig ist. Und das tut weh, wie begreifen, so auch tragen. Mann dreht sich im Kreis mit eigenen Gefühlen, mit den Meinungen der Anderen.Und alles was da bleibt: bist du so naiv, merkst du es nicht wenn du ausgenutzt wirst, bist du wo möglich doof, warum lässt du es zu, jeder kriegt was er verdient,BIST SELBER SCHULD!!!! Und da sind wir wider da, wo wir schon mal wahren!!!! Danke Jacob, dass du die Fassade gebrochen hast. Das macht mir und vielen anderen Mut sich nicht zu verdammen.Egal wie der „Peiniger“ auch ist, er ist in der Gemeinde und dient Gott. Solche wie dich speit Gott aus Seinem Mund schon jetzt. Die Gemeinde wird von solchen wie du es bist gereinigt. RAUS!!!! DU BIST SCHULD!!! Ja, das sind die Schuldgefühle. Und sie gehen nicht von alleine weg. In Jesus verbunden, Olga.

  4. Hallo Jacob Wiebe… vielen Dank, dass du so offen mit diesem Thema umgehst und das so weise reflektierst! Ich denke, gM wird in der nächsten Zeit wohl nicht weniger werden.. v.a. wenn sich Menschen in einer immer orientierungsloseren Zeit dann „starke“ Leiter suchen.. Ich selber arbeite mit traumatisierten Menschen und darf mit einem Leitungsteam Gemeinde leiten. Das was du beschreibst, kenn ich von daher.
    Ich wünsch dir, dass du innerlich vor den „schuld“-Zuweisungen geschützt wirst – durch Gott, enge Freunde & Familie an deiner Seite, ect.! Und ich DANKE dir für die Arbeit die du tust – mögen noch viele Menschen durch die Begegnung mit dir heiler werden & „Gott mit ihren Augen sehen“ (anstatt nur von ihm hören)!!!

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