AUTORITÄT und gehorsam 01

Heute habe ich im Morgenmagazin ein Interview mit Wolfgang Niedecken gehört. Der BAP-Gründer besuchte ein katholisches Internat in Rheinbach bei Bonn und ist dort von einem „Prügelpater“ – wie er ihn selber nennt – nicht nur körperlich, sondern auch sexuell misshandelt worden. Die Nachrichten der letzten Tage über die Katholische Kirche und deren Missbrauchsfälle überschlagen sich… Manchmal weiß ich nicht, ob ich noch hinhören, oder lieber weghören möchte, so schrecklich und unglaublich sind die Geschichten und einzelne Schicksale, die erst jetzt, z. T. 50 Jahre später, ans Licht kommen. Aber dann erinnerte ich mich an unsere deutsche Geschichte im Dritten Reich – da haben auch viel zu viele weggeschaut! Wir, nein ICH, darf nicht wegschauen, denn Wegschauen würde bedeuten mitzumachen. In den Hamburger U-Bahnen war eine zeitlang folgender Hinweis zu lesen: Hier wurde vor kurzem eine Frau von 9 Männern vergewaltigt, 8 davon haben zugeschaut. Wir sind Gefangene einer Mentalität des Zuschauens, des Unterhaltenwerdens und des Wegschauens. Und ich befürchte, dass auch die Skandale der Kirche für die meisten von uns derzeit lediglich der Unterhaltung dienen, ganz nach dem journalistischen Motto: Bad news are good news! Da waren die römischen Spiele noch nichts gegen…

Nun sollten wir auch nicht den Teufel an die Wand malen und so tun, als ob die Katholische Kirche allein das Problem ist, wenn es um Machtmissbrauch, Manipulation, Verantwortungslosigkeit und Verschleierung geht. Gestern sind in Afganistan wieder 4 deutsche Soldaten in einer „kriegerischen Auseinanderesetzung“ gestorben und unsere Regierung übt sich immer noch fleißig in einer semantischen Verschleierung dessen, was dort wirklich passiert. Ist das eine Friedensmission, ein bewaffneter Konflikt, ein Stabilisierungseinsatz, oder gar ein Hilfseinsatz? Jeder Kommandeur und Soldat vor Ort kennt die Wahrheit – es ist Krieg, aber gerade dafür hat die Bundeswehr kein Mandat* seites des Bundestages.

Ich sehe allerdings das Thema in einem noch größeren Zusammenhang – und Dietrich Bonhoeffer würde mir bepflichten – welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang „AUTORITÄT und gehorsam“ (grammatische Entfremdung ist bewußt gewählt)? Jeder von uns steht in einem Beziehungsgeflecht von AUTORITÄT und gehorsam. In der Kind-Eltern-Beziehung, Schüler-Lehrer-Beziehung, Angestellter-Chef-Beziehung, Bürger-Obrigkeit-Beziehung, Laie-Geistlicher-Beziehung (und, nicht zu vergessen: Frau-Mann-Beziehung). Dabei spielt die AUTORITÄT als auch der gehorsam eine wesentliche Rolle. Es geht nicht ohne AUTORITÄT! Das „pädagogische Experiment“ der antiatoritären Erziehung aus den 70ger bis 80ger Jahren ist kläglich gescheitert… Genauso wenig geht es ohne gehorsam! Keiner von uns kann permanent, nachhaltig und gleichzeitig unbeschadet gegen die Verkehrsregeln verstoßen. Aber wir wissen auch, dass das „soziale Ökosystem“ von AUTORITÄT und gehorsam nicht minder sensibel ist wie dessen biologisches Pandon.

Die Frage ergibt sich eines Tages für jeden von uns, und das mit großer Sicherheit: Wann darf und muss ich einer AUTORITÄT folgen und somit auch gehorsam leisten (z. B. Hausaufagaben machen) und wann darf und muss ich einer AUTORITÄT widersprechen und tätigen Ungehorsam leisten (z. B. bei einer Form von Missbrauch)?

* Das offizielle Mandat lautet: Unterstützung der vorläufigen Staatsorgane Afghanistans und ihrer Nachfolgeinstitutionen bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit, so dass sowohl die afghanischen Staatsorgane als auch das Personal der Vereinten Nationen (inkl. ISAF) und anderes Zivilpersonal (insb. solches, das dem Wiederaufbau und humanitären Aufgaben nachgeht) in einem sicheren Umfeld arbeiten können, und Sicherheitsunterstützung bei der Wahrnehmung anderer Aufgaben in Unterstützung des Bonner Abkommens.

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