Feiern wir Reformen oder nur einen Reformationstag?

Heute ist Reformationstag. Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther, ein katholischer Mönch, seine berühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Aber Luther war nicht der erste und schon gar nicht der einzige große Reformer. Und schon mal im Voraus: ich als Freikirchler und Nicht-Lutheraner bewundere und schätze Martin Luther – seine Kühnheit, seine Liebe zu Gott und Seinem Wort, seine Hingabe an Jesus und die Gnade Gottes, seine markanten Redeweisen, seinen scharfen Geist, seine Vision, sein Leiden und sein Glaube.

Und dennoch löst ein Reformationstag bei mir keine Jubelrufe aus! Warum? Weil ich weiß, dass heute sowohl in Luthers unmittelbarem Erbe als auch in meinem freikirchlichen Erbe keine Reformen gefeiert werden. Der amerik. Jurist Neill Lawson (ein toller Name für einen Juristen!) hat mal treffend gesagt:

Wer sich nur seiner Vorfahren rühmt, bekennt damit, dass er einer Familie angehört, die tot mehr Wert ist als lebendig.

Wenn Luther heute leben würde, würde er seine Kirche heute entweder neu reformieren oder schleunigst aus ihr austreten… (Jesus würde wohl dasselbe tun), aber nach all dem, was wir über Luthers Charakter wissen, würde er wohl doch das erste tun. Er selber hat nie behauptet, seine Reformation wäre mit oder nach ihm beendet und einige seiner mutigeren „Nachfolger“ sprechen ebenfalls von einer „unvollendeten Reformation“.

Die Probleme der Kirche heute sind offensichtlich:

  1. Namenschristentum – der überwiegende Teil gehört dem „nominellen Christentum“ an
  2. Billige Gnade – ein Begriff, den Bonhoeffer geprägt hat. Jeder in der Kirche bekommt diese Art der Gnade „hineingeschoben“: bei der Taufe, beim Abendmahl, bei den Gottesdiensten, etc., ohne dass sich irgendjemand ändern muss.
  3. Staatskirchentum – ein zähes Relikt des mittelalterlichen Katholizismus
  4. Babytaufe und damit auch (fast) die einzige Agentur, die das Kirchenschiff mit Passagieren bestückt
  5. Eine Rechtfertigungstheorie, die auf einer „doppelten Imputation“ basiert
  6. Eine Ekklesiologie, die hauptsächlich in Punkt 3 verankert ist und nicht in der Bibel
  7. Eine Evangeliumsverkündigung, die Menschen nicht mehr zu leidenschaftlichen und leidensfähigen Jüngern Jesu macht

… es gibt also noch genug ReFORMpotential!

Um meine lutherisch-reformierten Freunde zu beruhigen – man kann all die Dinge auch fast 1 zu 1 über den Baptismus sagen (man ersetze nur Babytaufe=Erwachsenentaufe, Staatskirchentum=formale Kirchenmitgliedschaft…). Und JA, natürlich gibt es derzeit auch genug Brüder und Schwestern, die reformatorisch inmitten ihrer (lutherischen und anderen) Kirche arbeiten… Und genau darauf sollte an einem Reformationstag unser Augenmerk gelenkt werden: feiern wir Reformen oder nur einen Reformationstag?

Wir brauchen ReFORMEN in der Kirche heute dringender als je zuvor. Ich will mich heute neu ermutigen und inspirieren lassen, selber ein Reformer zu sein. Wir Menschen lieben FORMEN und es kann sehr schnell dazu kommen (die Kirchengeschichte ist jedenfalls voll davon!), dass lebendige, authentische, geisterfüllte Glaubens- und Lebensinhalte bei der nächsten Generation lediglich als starre, orthodoxe FORMEN ankommen – ohne Liebe, ohne Leben, ohne Glauben, ohne Geist, aber mit viel fanatischem Fundamentalismus. ReFORMER rütteln immer wieder gewaltig an den FORMEN, nicht aus einer Leidenschaft zum Zerstören, sondern aus einer Leidenschaft, echtes Leben zu entdecken, um diesem wiederum eine neue FORM zu geben (lat. reformare = verbessern, aufbessern, umgestalten). Damit ist aber auch die Existenzberechtigung neuer ReFORMER in folgenden Generationen gesichert.

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