Was ist die Gute Nachricht an der Guten Nachricht? 02

Ich lese derzeit ein sehr spannendes und wichtiges Buch von Scot McKnight „The King Jesus Gospel“, das sich mit der Frage beschäftigt: Was ist das Evangelium (das Jesus und die Apostel gepredigt haben)? Ich will in den nächsten Tagen etwas über die Inhalte und Diskussionen aus diesem Buch posten, weil ich diese Frage für eine der wichtigsten Fragen halte, die sich jeder Lehrer, Verkündiger, Pastor heute stellen sollte.

Post 1

The Big Question

Die Große Frage, der sich Scot in diesem Kapitel stellt ist: Was ist das Evangelium?

Auf den ersten Blick sind es vielleicht andere Große Fragen, die die Kirche heute bewegen: Politik und Eschatologie, Versöhnungslehre, Gerechtigkeit und Armut. Aber all die Fragen können nicht zufriedenstellend beantwortet werden, wenn die Frage nach dem Evangelium nicht beantwortet ist.

Mit 3 verschiedenen Beispielen versucht nun Scot die übliche Verwirrung bei der Beantwortung dieser Frage darzustellen.

Beispiel 1: Eine ungewöhnliche Mail

Scot bekam eines Tages eine Mail mit folgender Frage gestellt: „Ich habe festgestellt, dass die Verkündigung des Evangeliums in der Bibel immer mit der Ankündigung Jesus als Messias einhergeht. Meine Frage ist: Was ist denn daran eine Gute Nachricht, dass Jesus der Messias und ein Nachkömmling Davids ist?“

Für diese Person, stellvertretend für viele, steht das Wort Evangelium fast ausschließlich für „persönliche Errettung“. Dabei ist es unwichtig, ob Jesus nun der verheißene Messias ist oder nicht. Auch die gesamte Geschichte Israels ist irrelevant.

Beispiel 2: Amerikanische Neo-Calvinisten

John Piper – ein einflussreicher Pastor in den USA – hat auf einer großen nationalen Konferenz 2010 diese Frage gestellt: Hat Jesus das Evangelium des Paulus gepredigt? Um die Frage zu beantworten, suchte sich Piper eine Passage aus der Bibel aus (Lukas 18,9-14 / die Geschichte vom gerechtfertigten Zöllner!), um dann zu behaupten: Ja, Jesus predigte das Evangelium des Paulus, da er auch die Rechtfertigung aus Glauben allein predigte. (Schon hier sollte sich aber der bewanderte Bibelleser die berechtigte Frage stellen: Sollte die Frage eigentlich nicht anders lauten – Predigte Paulus das Evangelium von Jesus?)

Diese Gruppe der Evangelikalen haben eine sehr eigene und enge Definition des Evangeliums: Evangelium = Rechtfertigung aus Glauben! Aber verstand Jesus und verstanden die Apostel tatsächlich so das Evangelium? In lutherischen, reformierten und evangelikalen Kreisen bei uns in Deutschland ist das ebenfalls DIE Definition des Evangeliums!

Beispiel 3: Jesus predigte nicht das Evangelium

Scot trifft einen Pastor auf einer seiner Reise und beide kommen auf das Evangelium zu sprechen. Gefragt danach, ob denn Jesus das Evangelium gepredigt hat (sensibilisiert durch Leute wie Piper), antwortete der Pastor: „Nope.“ Dann führte er weiter aus: keiner diesseits von Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt könnte das Evangelium wirklich verstehen… bis Paulus.

Armer Jesus – er hatte einfach Pech gehabt, zur falschen Zeit gelebt zu haben und er hat´s wirklich nicht verstanden worum es beim Evangelium geht… – diesen Sarkasmus hat der Buchautor dann nur in seinen ganz privaten Gedanken zugelassen.

Aufgrund dieser Beobachtungen macht der Autor folgende Zusammenfassung des Dilemmas:

I believe we are mistaken, and that mistake is creating problems we are trying to solve. But as long as we remain mistaken, we will never solve the problems. Our system is broken and our so called gospel broke it. We can´t keep trying to improve the mechanics of the system because they´r not the problem. The problem is that the system is doing what it should do because it is energized by a badly shaped gospel.

ÜS: Ich glaube, wir unterliegen einem Irrtum und dieser Irrtum schafft die Probleme, die wir dann zu lösen versuchen. Aber solange wir im Irrtum verharren, werden wir nie die anstehenden Probleme lösen können. Unser System ist kaputt und unser so genanntes Evangelium hat es kaputt gemacht. Wir können nun nicht einfach die Mechanik des Systems verbessern – sie ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass das System genau das tut, was es tun sollte, weil es von einem verformten Evangelium genährt wird.  Seite 26

Wie würdest Du das Evangelium definieren?

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3 Antworten zu “Was ist die Gute Nachricht an der Guten Nachricht? 02

  1. also ich finde die frage voll in ordnung, ob jesus das evangelium des paulus predigte. bei den vielen verschiedenen zusammenhängen, in denen das wort „evangelium“ in der bibel auftaucht, könnte es ja auch der fall sein, dass der inhalt der (guten) botschaft in der zeit von paulus eine andere gewesen ist, als es zur zeit jesu der fall war. so wie gott auch im alten bund eine gute botschaft für die menschen hatte, die sich aber deutlich von der im neuen bund unterscheidet. die intention von john piper in seiner analyse ist ja auch nicht, das evangelium von paulus als das einzig wahre darzustellen, an dem sich das evangelium von jesus messen müsse. es geht im gegenteil darum, den charakter des evangeliums von jesus mit dem zu vergleichen, was paulus später in seinen briefen ausführlicher und deutlicher zeigt. und john piper hat eine not in seinem herzen mit der falschen auffassung von menschen, die versuchen durch die voraussetzung von eigenen taten das niveau des evangeliums zu erhöhen. vielleicht schaust du dir die predigt mal auf youtube an (http://www.youtube.com/watch?v=o9YVVvh1gOA), um zu einem eigenen eindruck zu kommen.

    die frage danach zu stellen, was das evangelium eigentlich ist, finde ich übrigens sehr gut. und dabei halte ich definitionen auch nicht für schädlich (sie sind ja bis zu einem gewissen grad notwendig um sich überhaupt verständigen zu können) – wir müssen doch wissen was das evangelium ist, um es anderen menschen weitergeben zu können, und um es von einem „anderen“ evangelium zu unterscheiden, das nicht von gott ist.

    andererseits finde ich in der bibel selbst (die ja die referenz für eine solche definition sein muss) keine exakte eingrenzung, es gibt aber verschiedene merkmale die darauf hinweisen, dass das evangelium mehr ist als nur die botschaft von der rechtfertigung aus glauben (auch wenn das aus meiner sicht der wesentliche grund dafür ist, dass die botschaft von gott an mich überhaupt „gut“ – im sinne von „erfreulich“ sein kann), sondern dass alles was gott mir in seinem wort mitteilt eigentlich „gute botschaft“ für mich ist, was sich auf die heilung meiner beziehung zu gott (und dadurch auch zu den menschen um mich herum) auswirkt.

    deswegen denke ich auch dass es gefährlich ist, die definition zu eng zu fassen. wenn ich an einer tödlichen krankheit zugrundegehe und dann das eine medikament finde dass mir helfen kann, dann lese ich mir auch aufmerksam die packungsbeilage durch, und schütte es nicht einfach so in mich hinein. und beim evangelium geht es um leben und tod, um nichts weniger.

  2. Ist es nicht immer ein Problem, wenn man Blinde nach Farben fragt?
    Vor allem wenn sie von ihren (blinden) Leitern versichert bekommen haben, dass es keine Farben gibt, weil sie selber auch noch nie welche gesehen haben.

  3. vielleicht fängt das problem damit an, dass es um „definitionen“ geht, dadurch schematisiert man das evangelium und zwängt es in eine form…oder?

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