Was ist die Gute Nachricht an der Guten Nachricht? 04

Ich lese derzeit ein sehr spannendes und wichtiges Buch von Scot McKnight „The King Jesus Gospel“, das sich mit der Frage beschäftigt: Was ist das Evangelium (das Jesus und die Apostel gepredigt haben)? Ich will in den nächsten Tagen etwas über die Inhalte und Diskussionen aus diesem Buch posten, weil ich diese Frage für eine der wichtigsten Fragen halte, die sich jeder Lehrer, Verkündiger, Pastor heute stellen sollte.

Post 1 // Post 2 // Post 3

From Story to Salvation

Um das Evangelium richtig zu verstehen ist es unumgänglich, an der richtigen Stelle anzufangen. Und hier sieht Scot ein Grundproblem des Evangelikalismus – die große Story (so wie Scot den Begriff gebraucht handelt es sich hierbei um die große Meta-Erzählung, in die das Evangelium eingebettet ist) wird entweder gar nicht erzählt oder so, dass ein Zusammenhang nicht wirklich hergestellt wird. Die große Story besteht aus vier Kategorien, die nach dem Bottom-Up-Prinzip aufeinander aufgebaut sind. Diese Kategorien sind:

  • Die Methode der Überzeugung
  • Der Plan der Errettung
  • Die Story von Jesus
  • Die Story Israels

Es beginnt alles von unten und baut sich logisch aufeinander auf.

Die Story Israels

Die meisten lesen die Bibel folgendermaßen: Die Schöpfungsgeschichte, die Erschaffung zweier Ebenbilder Gottes – Adam & Eva, Versuchung, Sündenfall, Vertreibung aus Eden…, und dann springt man auch schon ins Neue Testament. Die Geschichte Israels ist eine Story der Erwählung Abrahams, Moses´und später der Könige. Warum tut Gott das? Gott will Sein Königreich durch Israel wieder herstellen, das, was in Eden verloren ging. Der Mensch war dazu bestimmt, mit Gott zu Herrschen, der Mensch bricht aus dieser Herrschaft aus und ist nun selbst Beherrschter – so war die Schöpfung nicht gedacht. Israel hat versagt, die Könige haben versagt, die Priester haben versagt… Und nun sendet Gott Jesus, den vollkommenen Knecht Israels (Jes. 53). Er ist der Messias=Gesalbte=König, Er ist der Sohn (der Titel kommt u.A. aus PS 2, wo er ebenfalls für den König steht) und Er ist der Herr der Herren. Es ist offensichtlich: Die Königsherrschaft Gottes soll mit diesem neuen König wiederhergestellt werden – und genau das predigt Jesus die ganze Zeit (das Evangelium des Reiches Gottes). Was im Garten Eden begann, soll in der Stadt Gottes (Offb. 21-22) vollendet werden. Wenn diese Story ignoriert wird, gibt es kein Evangelium!

Die Story von Jesus

Diese Story bringt die Story Israels zu ihrem Ziel – Scot benutzt den Begriff „telos point“. In der Story von Jesus geht es um die Vision des Königreichs Gottes, die aus der Geschichte Israels „heraus fließt“. Das Zentrum dieser Story ist die Erzählung über seine Geburt, sein Leben, seine Taten und Wunder, seine Lehren, seinen Tod, Beerdigung, die Auferstehung, Himmelfahrt und Verherrlichung. Die ihm verliehenen Titel während der Story sind bezeichnend: Messias, Herr, Sohn Gottes, Retter, Menschensohn. Er bringt die Geschichte Israels zum telos. Er ist derjenige, der Israel von seiner Sünde und die Menschheit von dessen Gefangenschaft frei macht. Er führt Israel und die Welt aus dem Exil.

Der Plan der Errettung

Mit diesem Begriff beschreibt Scot die Botschaft, wie man (persönlich) gerettet wird. In der Regel sieht sie so aus:

  • Gottes Liebe und Gnade, aber auch Seine Heiligkeit und Gerechtigkeit
  • Unsere Erschaffung nach Gottes Ebenbild und der Sündenfall
  • Nun sind wir unter Gottes Gericht
  • Doch die Gute Nachricht ist – durch Jesu stellvertretenden Tod ist Sühnung geschehen, so dass wir Vergebung gekommen und mit Gott versöhnt sind
  • Jeder Mensch muss aber für sich Gottes Angebot annehmen, seine Sünden bekennen und dem Opfer von Jesus vertrauen schenken, um gerettet zu werden

Dann macht Scot eine provokante Aussage: dieser Plan der Errettung ist nicht das Evangelium! Schockierend oder? Die meisten von uns glaubten es bis dato, oder? Warum ist das nicht das Evangelium? Zitat:

The Plan of Salvation, to put this crudely, isn´t descipleship or justice or obedience. The Plan of Salvation leads to one thing and to one thing only: salvation. Justification leads to a declaration by God that we are in the right, that we are in the people of God; it doesn´t lead to a life of justice or goodness or loving-kindness. If it did, all Christians would be more just and more filled with goodness and drenched in love.

ÜS: Der Plan der Errettung, um es schlicht zu sagen, ist nicht Jüngerschaft, oder Gerechtigkeit, oder Gehorsam. Der Plan der Errettung ist für eine Sache und nur für eine Sache – Rettung. Die Rechtfertigung (durch Glauben, im reformierten Sinne. Anm. by jaasch) führt zur Erklärung Gottes, dass wir im Recht sind, dass wir Gottes Volk sind; sie führt weder zu einem Leben in Gerechtigkeit, noch zur Güte, noch zur hingegebenen Liebe. Wenn es das täte, wären alle Christen mehr gerecht, mehr erfüllt mit Güte und mehr durchdrungen von Liebe.

Verstehst Du auch so das Evangelium: Plan der Errettung = Evangelium? Ist das nicht zumindest bei allen „Evangelisationen“ so? Hast Du schon mal jemals das Evangelium aus der Story Israels abgeleitet gehört? …

Die Methode der Überzeugung

Diese Methode ist die Rhetorik, in die man den Plan der Errettung so verpackt hat, um Entscheidungen herbeizuführen. Scot argumentiert, dass in einigen Kreisen nun sogar auch eine bestimmte Methode an sich dem Evangelium gleichgesetzt wird. Allerdings ist die Kirchengeschichte und auch schon die Bibel voll von ganz unterschiedlichen Methoden. Das Problem ist nur, dass eine Methodik und Rhetorik, die nur auf Entscheidungen aus ist, die Story Israels und Jesu vernachlässigt.

Das Evangelium der Bibel bezieht sich weder auf den Plan der Errettung, noch auf die Rhetorik und Methodik der Verkündigung (Evangelisierung), sondern einzig und allein auf die Story von Jesus als Vollendung der Story Israels (und der Welt) – das ist Scots These zum Schluss dieses Kapitels.

Was denkst Du darüber?

Advertisements

Eine Antwort zu “Was ist die Gute Nachricht an der Guten Nachricht? 04

  1. Ich lese das Buch auch gerade. Die Trennung von „Plan of Salvation“ (Also die persönliche Entscheidung, bestimmte Lehrsätze zu glauben, so ich ihn richtig verstehe) und „Gospel“ ist meiner Ansicht allerdings künstlich. Jedenfalls macht er für mich (ich bin allerdings noch nicht ganz durch…) nicht deutlich, was die tiefgreifenden Veränderungen wären, wenn wir das Evangelium als die Vervollständigung der Geschichte Israels in der Geschichte Jesu sehen. Die Ausgangsfrage war doch, wie man die Spannung zwischen „Rechtfertigung aus (allein) Glauben“ und Jüngerschaft auflösen kann. Dazu sagt er aber erst einmal gar nichts mehr…Wieso sollten Menschen sich ändern, wenn für den Himmel allein der Glaube ausreicht? Da Scot McKnight allerdings nichts am „Plan of Salvation“ auszusetzen hat, es sogar wichtig findet – wo ist dann der wirklich neue/alte/ursprünglichere Ansatz? Ob man die Geschichte Jesu nun „Gospel“ nennt und glaubt, oder wie Pastor Eric „Theologie“, die ja auch geglaubt wird – so what? Von mir aus kann das Evangelium einen stark narrativen Charakter haben, allerdings heißt das ja nicht, dass dann alle Fragen beantwortet sind, oder wir die theologischen Dimensionen hinter der Geschichte außer Acht lassen können.

    Vielleicht hast du da andere Gedanken oder hast den Autor besser verstanden?

    Gruß
    Jason

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s