heilige Uneinigkeit vs. unheilige Einigkeit

Kennt das jemand von euch? Manchmal ist das, was grundsätzlich richtig ist, falsch und das, was grundsätzlich falsch zu sein scheint, richtig! So ist es z.B. auch mit dem Thema Einheit.

Einheit ist das zentrale Thema des Epheserbriefes. Hier gibt es allerdings eine konkrete Situation, einen Kontext, in die hinein diese Worte geschrieben worden sind. Es gab einige Judenchristen, die stark von ihrer exklusiven Zugehörigkeit zum Volk Gottes voreingenommen waren. Sie lehnten die Heidenchristen ab, es sei denn, sie würden sich nicht nur zu Jesus, sondern auch zum Judentum bekehren. Dem musste der Apostel Paulus energisch widersprechen: In Jesus sind alle Zäune beseitigt, alle Feindschaften besiegt, aller Unfriede begraben und der Weg zur Versöhnung bereitet.

Alle Menschen, egal welcher Nationalität und Herkunft, die unter die Herrschaft des Königs Jesus kommen,

  • sind EINE Familie und rechtmäßige Kinder Gottes,
  • sind EIN neues Bundesvolk Gottes,
  • haben EINE göttliche Staatsbürgerschaft,
  • werden gelenkt von EINEM Haupt,
  • werden gesegnet von EINEM Vater,
  • sind beseelt von EINEM Geist,
  • erkauft durch EIN Blut des Lammes,
  • bilden EINEN Leib,
  • sind EINE Kirche und
  • EIN Tempel, in dem der dreiEINige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – wohnt.

Für diese heilige EINHEIT kämpft Paulus im Epheserbrief – die EINHEIT unter der Königsherrschaft des Messias Jesus. So wertvoll ihm diese Einheit einerseits auch ist, so wertneutral ist aber auch Einheit andererseits. An manchen Stellen fordert uns die Bibel dazu auf, für eine heilige Uneinigkeit zu kämpfen und eine unheilige Einigkeit aufzugeben.  Und es gibt eine ständige Spannung zwischen Einigkeit und Uneinigkeit, die jeder von uns kennt und spürt.

Beispielsweise:

  • Streit unter Kindern. Wir verbünden uns mit demjenigen, der aus unserer Sicht im Recht ist und widerstehen gleichzeitig demjenigen, der Unrecht tut, oder bestrafen ihn sogar
  • Meinungsverschiedenheiten. Je stärker die Argumente für eine Sache oder Person sind, desto schwächer werden gleichzeitig die Gemeinsamkeiten zur gegnerischen Sache oder Person
  • Kollidierende Werte. Wir fühlen uns mit Menschen verbunden, die unser Wertesystem befürworten und wir gehen gleichzeitig auf Distanz zu Personen, die unser Wertesystem niedertrampeln

Einigkeit und Uneinigkeit spielen miteinander ständig Seilziehen während Du selbst das Seil bist.

Bei alledem habe ich manchmal den Eindruck, dass wir Christen „neurotische Einheitskämpfer“ sind. Der Grund dafür ist Preisdumping. Wir tun so, als ob es Einheit und Frieden immer zu einem Sonderangebot bei ALDI gibt. Wir drücken den Preis für diese christlichen Kernwerte ständig herunter und wundern uns am Ende, dass keiner davon einen wirklichen Gewinn hat. Ein billiges Produkt ist meistens auch ein faules Produkt.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum viele Menschen „neurotische Einheitskämpfer“ sind – in der Psychologie nennt man das Phänomen „Harmoniesucht“. Was hinter der Harmoniesucht steht, ist eine sensible Persönlichkeitsstruktur, die keine Spannungen um sich herum ertragen kann, weil sie ständig in einem angespannten Verhältnis zu sich selbst steht. Externe Beziehungen gelten hier als interne Erweiterung der eigenen Persönlichkeit. Unfriede und Disharmonie verursachen hier also unglaubliche (Bauch)Schmerzen, da sie einen Riss/eine Störung in der eigenen Persönlichkeit verursachen. Bei vielen Christen kommt zu dieser sensiblen Persönlichkeitsstruktur noch dazu, dass sie sich ja „zum Frieden berufen“ wissen und daher meinen, sie müssten sich zu diesem Zweck „völlig aufgeben“ (- was wiederum vordergründig nach einer zutiefst christlichen Tugend klingt).

Aber machen wir uns nichts vor. Die Bibel spricht genauso viel über heilige Uneinigkeit und unheilige Einigkeit wie über unheilige Uneinigkeit und heilige Einigkeit.

Hier einige Beispiele für „heilige Uneinigkeit“:

  • Jesus hatte eine heilige Uneinigkeit mit Nachfolgern, denen die letzte Hingabe und Radikalität fehlt: „53 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Sohnes des Menschen esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch selbst. 54 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag; 55 denn mein Fleisch ist wahre Speise, und mein Blut ist wahrer Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm. 57 Wie der lebendige Vater mich gesandt hat, und ich lebe um des Vaters willen, so auch, wer mich isst, der wird auch leben um meinetwillen. 58 Dies ist das Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist. Nicht wie die Väter aßen und starben; wer dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit. 59 Dies sprach er, als er in der Synagoge zu Kapernaum lehrte…. 66 Von da an gingen viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm. 67 Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen?“ Joh 6,53-67
  • Jesus hatte eine heilige Uneinigkeit sogar mit seiner eigenen Mutter und seinen Geschwistern als sie seine Vollmacht über Dämonen nicht verstanden. „20 Jesus ging in ein Haus und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten. 21 Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. 22 Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus. 23 Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? 24 Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. 25 Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben. 26 Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst im Streit liegt, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen. 27 Es kann aber auch keiner in das Haus eines starken Mannes einbrechen und ihm den Hausrat rauben, wenn er den Mann nicht vorher fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern. 28 Amen, das sage ich euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; 29 wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. 30 Sie hatten nämlich gesagt: Er ist von einem unreinen Geist besessen. Von den wahren Verwandten Jesu 31 Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen. 32 Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. 33 Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? 34 Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. 35 Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. „ Mk 3,20-35
  • Jesus hatte eine heilige Uneinigkeit mit den frommen Pharisäern, deren Glauben und Leben nicht im Einklang standen. „13-14 Wehe aber euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verschließt das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht hinein, und die, die hineingehen wollen, lasst ihr auch nicht hineingehen. 15 Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr durchzieht das Meer und das trockene Land, um einen Proselyten zu machen; und wenn er es geworden ist, so macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr. 16 Wehe euch, ihr blinden Führer!“ Mat 23,13-16
  • Jesus hatte eine heilige Uneinigkeit im Leben und Dienst seiner Nachfolger vorhergesagt. „16 Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. 17 Hütet euch aber vor den Menschen! Denn sie werden euch an Gerichte überliefern und in ihren Synagogen euch geißeln; 18 und auch vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Nationen zum Zeugnis. 19 Wenn sie euch aber überliefern, so seid nicht besorgt, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. 20 Denn nicht ihr seid die Redenden, sondern der Geist eures Vaters, der in euch redet. 21 Es wird aber der Bruder den Bruder zum Tode überliefern und der Vater das Kind; und Kinder werden sich erheben gegen die Eltern und sie zu Tode bringen. 22 Und ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen… 34 Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. 35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; 36 und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. 37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“ Mat 10,16-39

Jesus kannte diese heilige Uneinigkeit, er provozierte sie förmlich heraus. Jesus starb nicht deswegen, weil er ein paar tolle Ideen, ethische Grundwerte und Lebensweisheiten vermitteln wollte. Er starb, weil er eine heilige Uneinigkeit mit den Mächten dieser Welt hatte, und mit jedem, der sich mit ihnen unwiderruflich verbündet hatte (religiös wie areligiös). Sein Reich und das Reich dieser Welt stehen miteinander auf Kriegsfuß. Und wir als Seine Nachfolger werden immer wieder diese heilige Uneinigkeit erfahren, erleiden und akzeptieren müssen, weil wir in der Welt, aber nicht von dieser Welt sind.

Aber es gibt für uns Christen in dieser Welt nicht nur eine notwendige heilige Uneinigkeit, sondern auch die Falle einer unheiligen Einigkeit. C. S. Lewis sagte mal: „Der Teufel schickt die Irrtümer immer paarweise auf die Welt“. Beim Thema Einheit ist es nicht anders. Es gibt christliche Koalitionen, Konsense und Kuschelklubs, die durchtrieben unheilig sind. Nicht überall, wo das Etikett „Einheit“ draufsteht, ist auch Christus wirklich drin.

  • Pilatus und Herodes, die eigentlich verbitterte Feinde waren, schließen am Tag der Verurteilung des Messias eine „unheilige Koalition“ Luk 23,1-12
  • Einige Lehrer in den Gemeinden Galatiens verfälschten das Evangelium um die zusätzliche Komponente der jüdischen Beschneidung und Gesetzlichkeit. Paulus ist über diese unheilige Einigkeit von Gesetz und Evangelium so sehr empört, dass er im Galaterbrief ein Anathema über diese Irrlehrer ausspricht. Gal 1,6-10
  • In der Gemeinde in Korinth gab es ein heilloses Durcheinander und erbitterte Streitigkeiten in theologischen Fragen und gleichzeitig eine unheilige Einigkeit in moralischen Dingen: einer spannte seinem eigenen Vater die Ehefrau aus (1Kor 5,1ff), während die anderen nach der Bibelstunde ins Bordell gingen (1Kor 6,12-20) und noch andere das Abendmahl mit einem Sauf- und Fressgelage verwechselten (1Kor 11,17-34)
  • Diese unheilige Einigkeit entsteht, wenn Weltliebe die Vaterliebe verdrängt und ersetzt (1Joh 2,15-17)
  • Eine unheilige Einigkeit herrschte auch in der Gemeinde in Laodizea zu der Zeit um ca. 90 n. Chr., als der Apostel Johannes die Offenbarung schrieb. Sie hatten eine unheilige Einigkeit in Bezug auf die gemeindliche Betriebstemperatur. Jesus macht dieser Gemeinde ein paar heiße Einläufe, um sie wachzurütteln und um diese eisig-verkrampfte Einigkeit aufzulösen: „15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch heiß bist. Ach, dass du kalt oder heiß wärest! 16 Also, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Weil du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und brauche nichts!, und nicht weißt, dass du der Elende und bemitleidenswert und arm und blind und bloß bist, 18 rate ich dir, von mir im Feuer geläutertes Gold zu kaufen, damit du reich wirst; und weiße Kleider, damit du bekleidet wirst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde; und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du siehst. 19 Ich überführe und züchtige alle, die ich liebe. Sei nun eifrig und tu Buße! 20 Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen und er mit mir.“ Offb 3,14-20

Unheilige Einigkeit ist der Feind, der die heutige Kirche am meisten schwächt. Diese unheilige Einigkeit beruht nicht selten auf faulen Kompromissen, politisch motivierten Koalitionen und brüchigen, unbiblischen Konsensen. Diese unheilige Einigkeit ist eine geistlose Weltlichkeit oder eine weltlose Geistlichkeit aber auf jeden Fall eine christuslose Wirklichkeit.

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