Der dornige Weg zur Versöhnung

Hinter jedem Krieg, Konflikt und jeder Unversöhnlichkeit ist eine Geschichte – sei es auf persönlicher oder politischer Ebene. Und wenn wir diese Geschichte hören und verstehen lernen, können wir mitfühlen, mitweinen und mittrauern… Es ist sehr hart mit Schuld konfrontiert zu werden und ebenso hart seinem Opponenten alle Verwundungen offen zu legen. Hier beginnt der dornige Weg der Versöhnung. Dornig nicht nur deswegen, weil er schwierig ist, dornig deswegen, weil wir uns auf dem Weg dahin wiederum Verletzungen und Schmerzen zufügen, die wir gerade mit aller Macht zu vermeiden suchen. Aber die Alternative für diesen dornigen Weg ist Krieg. Ob der Krieg nun kalt, heiß, subtil oder schmutzig ist – wir werden ihn verlieren. Unversöhnlichkeit ist der größte Feind in uns. Werden wir uns ihm nicht stellen und ihn besiegen, wird er es mit uns tun.

Im Epheserbrief beschreibt Paulus die Mission von Jesus folgendermaßen (2,14-22 HfA): „Durch Christus haben wir Frieden. Er hat Juden und Nichtjuden in seiner Gemeinde vereint und die Mauer zwischen ihnen niedergerissen. Durch sein Sterben hat er das jüdische Gesetz mit all seinen Geboten und Forderungen endgültig außer Kraft gesetzt. Durch Christus leben wir nicht länger voneinander getrennt, der eine als Jude, der andere als Nichtjude. Als Christen sind wir eins. So hat er zwischen uns Frieden gestiftet. Christus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben, damit wir alle Frieden mit Gott haben. In seinem neuen Leib, der Gemeinde Christi, können wir nun als Versöhnte miteinander leben. Christus ist gekommen und hat seine Friedensbotschaft allen gebracht: euch, die ihr fern von Gott lebtet, und allen, die nahe bei ihm waren. Durch Christus dürfen jetzt alle, Juden wie Nichtjuden, vereint in einem Geist, zu Gott, dem Vater, kommen. So seid ihr nicht länger Fremde und Heimatlose; ihr gehört jetzt als Bürger zum Volk Gottes, ja sogar zu seiner Familie. Als Gemeinde Jesu Christi steht ihr auf dem Fundament der Apostel und Propheten. Doch der Stein, der dieses Gebäude trägt und zusammenhält, ist Jesus Christus selbst. Durch ihn sind die Bauteile untereinander fest verbunden und wachsen zu einem Tempel des Herrn heran. Weil ihr zu Christus gehört, seid auch ihr ein Teil dieses Baus, in dem Gottes Geist wohnt.“

OK, ich glaube, wir verstehen das: Jesus ist unser Friede! Aber deuten wir das nicht immer und immer wieder auf die Versöhnung zwischen Gott & Mensch, in dem Sinne – Jesus ist unser Friede mit Gott? Natürlich versöhnt Jesus Himmel und Erde durch Kreuz und Auferstehung – keine Frage! Aber genauso wie das Kreuz aus zwei Balken besteht – vertikal und horizontal – genauso ist die beabsichtigte Wirkungsweise des Kreuzesgeschehens: Versöhnung zw. Gott & Mensch + Versöhnung zw. Mensch & Mensch. Und – die Bibel ist auch hier sehr kompromisslos einseitig – man kann das erste mit der Verweigerung des zweiten nicht haben. Es gibt eine sog. „göttliche Versöhnungslogik“, oder besser gesagt einen „göttlichen Versöhnungsalgorithmus“, der folgendermaßen funktioniert:

Stellt Dir vor, Du bist ein Rohr mit zwei (offenen) Öffnungen an beiden Enden. Wenn Du Dich für Gott öffnest (Rohröffnung oben), dann kommt Gottes Gnade (Versöhnung!) in Dich hinein und tut all das, wozu Gottes Gnade imstande ist zu tun. Aber Gott gibt Dir immer nur Gnade, damit sie andere (durch Dich) erreicht – erinnerst Du Dich, Du bist ein Rohr. Wenn Du nun Deine Leitung (die zu anderen gehen soll) verschließt, verschließt Gott das Rohr (oben) ebenfalls automatisch. Wir reden in unseren Kirchen immer wieder von „bedingungsloser Gnade Gottes“ – das ist nicht die ganze Wahrheit. Hier also der „göttlichen Versöhnungsalgorithmus“ in eine Formel gebracht:

VG=VGe+VGw oder VG≠VGev+VGwv  
Legende* zur Formel s. unten.

Ich habe vor einigen Jahren das Buch Friedenskind von Don Richardson gelesen. Es ist eine sehr bewegende Geschichte eines Missionars bei dem Stamm der Sawi in Neuguinea. Sein Ziel war es, die christliche Botschaft unter diesem Stamm zu verkündigen, der noch fast im Steinzeitalter lebte. Aber die christliche Botschaft stieß mit den ungewöhnlichen Moralvorstellungen der Stammesleute zusammen, und so vergingen mehrere Jahre der Enttäuschung und Erfolglosigkeit. Die christlichen Werte von Liebe und Vergebung sprachen nämlich die Sawis nicht an, denn für sie war Verrat die höchste Tugend. Sie sahen keinen Grund, warum sie ihre grausamen Gewohnheiten und auch den Kannibalismus aufgeben sollten. Als Richardson ihnen die Geschichte von Jesus erzählte, interessierten sie sich nur für eine einzige Tatsache: die Geschichte vom Verrat des Judas! Für die Sawis war Judas ein echter Held; listig war er in den inneren Kreis der Vertrauten Jesu gekommen und hatte ihn dann verraten. Jeder Versuch Richardsons, den Sawis von Christus zu erzählen, schlug fehl. Nachdem er vor seinem Haus die vierzehnte blutige Schlacht, die die Sawis mit einem der Nachbarstämme austrugen, mitangesehen hatte, war Richardson schließlich am Ende mit seiner Geduld. Wie sollte er jemals bei einem so gewalttätigen Stamm einen Durchbruch erzielen? Er beschloss, Neuguinea zu verlassen, obwohl ihn die Sawis baten, doch zu bleiben. Die Zusammenfassung der Geschichte hier weiterlesen…

Neulich sah ich ein sehr bewegendes Video, das die Söhne von Don Richardson, 50 Jahre nach dem oben beschrieben Ereignis, gedreht haben. Es ist eine sehr bewegende Geschichte der Versöhnung. Was immer auch Deine Geschichte der Verletzungen ist, mache sie zu einer Geschichte der Versöhnung!

* VG= Versöhnende Gnade, e=empfangen, w=weitergeben, v=verweigern

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