Gemeindezucht

Das Wort Gemeindezucht klingt schon so wie „Zahnwurzelbehandlung“, oder „Darmspiegelung“. Keiner meldet sich freiwillig dazu. Nur wenn´s gar nicht mehr geht, dann vielleicht, ansonsten – lass mich damit in Ruhe! In einer meiner spontanen Mitarbeiterumfrage neulich haben ca. 60 % der Leiter negative bis perverse Erfahrungen mit dem Thema Gemeindezucht gemacht. Hier nur einige Stichworte aus dem „Erfahrungsschatz“ vieler:

  • Gemeindezucht ist Problembeseitigung
  • Gemeindezucht ist Einmischung bis in die privatesten Lebensbereiche
  • Gemeindezucht ist Heuchelei, weil immer nur bestimmte „Lieblingssünden“ auf der „schwarzen Liste“ stehen
  • Bei Gemeindezucht sind die Veranstaltungen der Kirche überlaufen – Sensationssucht, Sündengeilheit (natürlich nur bei Fremdverschulden)
  • Gemeindezucht ist willkürliche Machtausübung
  • usw.

Das Thema ist eindeutig negativ besetzt, auch wenn man dafür inzwischen andere, modernere und z. T. bessere Namen gefunden hat: Gemeindedisziplin, Konfliktlösung, kircheninterne Mediation oder gut neudeutsch Complaintmanagement. Gemeindedisziplin (mir gefällt der Begriff dafür derzeit am besten) ist wirklich komplex, kritisch, oft konfus und fast immer schmerzhaft. Daher haben sich viele Kirchen dazu entschieden, das Thema (oft stillschweigend, oft systematisch) völlig von ihrer Agenda und aus ihrer Praxis zu streichen. Verständlich aber auch bedauerlich! Das Thema steht allerdings in der Bibel in einem größeren Zusammenhang – größer als mein Wohlbefinden, größer als meine Verletzungen, größer als mein absoluter Freiheitsdrang, größer als Individualismus und auch größer als jedes Streben nach Selbstbestimmung. Es geht bei dem Thema um Jesus und Seine Mission in dieser Welt. Und das muss zunächst einmal von uns allen verstanden und beherzigt werden. Daher sollten wir das Thema in erster Linie christologisch und missional ausrollen.

Wir als mosaikchurch haben uns dazu entschieden, das Thema neu für uns zu entdecken. Der Weg aus dem Gestrüpp der eigenen Verletzungen, Verwirrungen und der z. T. pervers erlebten Praktiken ist nicht einfach, aber um der Kirche Jesu willen notwendig. Hier sind zunächst einige Gründe dafür, die uns nachdenklich machen:

  1. Gemeindedisziplin ist uns von Jesus befohlen. 
Mat 18,15-20
    Das Thema und die Praxis der Gemeindedisziplin ist nicht optional – Jesus hat uns das als Kirche befohlen. Und es ist Seine Kirche, an der wir bauen und arbeiten, Kirche ist nicht unser Projekt, das wir nach Belieben managen und gestalten dürfen. Wir haben gewisse Vorgaben und Freiheiten und die sollten wir auch bei diesem Thema entdecken und umsetzen.
  2. Gemeindedisziplin wird von Gott selbst in der Kirche ausgeübt. 1Kor 3,16-17
    In der Apostelgeschichte 5 finden wir die Geschichte von Hananias & Saphira. Sie begehen keine der „klassischen Großsünden“. Sie cheaten ein bisschen, wollen mehr Ansehen und Respekt, vielleicht Einfluss in der Kirche haben. Bedienen sich dabei einer kleinen Notlüge – was soll´s? BAM – beide tot! Ich bin dankbar, dass Gott nicht immer so radikal handelt – ich könnte sonst diesen Blogbeitrag nicht mehr schreiben – wegen Abwesenheit. 🙂 In Korinth, wo die Kirchenleitung und auch sonst anscheinend alle miteinander zerstritten sind – also mit sich selbst beschäftigt – muss Gott das tun, was eigentlich die Kirche selbst tun müsste: Gemeindedisziplin. Das letzte Buch der Bibel ist der beste Hinweis dafür, wie sich Jesus selbst des Themas Gemeindedisziplin annimmt, wenn die Kirche es verdrängt. Der radikalste Weg Gottes bei fehlender Disziplin der Kirche ist dann der Weg raus aus der Kirche: „Siehe ich stehe vor der Tür!“
  3. Gemeindedisziplin ist die Aufgabe der ganzen Kirche. Heb 12,12-17
    Das ist eines der großen Missverständnisse: Wer ist dafür verantwortlich? Die landläufige Antwort und Praxis ist: Die Pastoren, die Leitung, die Ältestenschaft! Nein, njet, no! Diese Verantwortungsverschiebung ist der erste Schritt in eine klerikale, machtorientierte, depersonalisierende und lediglich pragmatische Besetzung des Themas – ganz nach dem Motto: Nenne mir das Problem und ich schaffe eine Lösung. Gemeindedisziplin sollte eingebunden sein in ein gesundes Netzwerk liebevoller und ehrlicher Beziehungen, die Jesus zum Orientierungspunkt haben.
  4. Gemeindedisziplin hat das Ziel, Menschen in eine wachsende und liebende Beziehung zu Gott und seinem Nächsten zu führen. 1 Joh 2,3-11
    Jetzt komme ich auf den begriff Gemeindedisziplin selbst zu sprechen. Gemeindedisziplin ist der Weg der Jüngerschaft und Nachfolge (Dispziplin kommt vom lat. discipulus = Jünger (engl. disciple). Und das ist der Weg, den die Kirche als Ganzes berufen ist zu gehen. Gemeindedisziplin ist nicht als Problemlösung, Konfliktmanagement, Sündenmanagement, Kirchenpolitik oder derartiges zu sehen, sondern als der Ruf des Meisters in die Nachfolge. Daher ist die Gemeindedisziplin in der mosaikchurch sehr eng an die Mission unserer Kirche gekoppelt: Wir wollen Menschen in eine wachsende Beziehung zu Jesus führen.
  5. Gemeindedisziplin findet immer im Spannungsfeld von Gnade und Wahrheit satt. 1Kor 5-6,11
    Es ist schon bemerkenswert, für was Gnade alles in der christlichen Theologie herhalten muss… Gnade ist meistens DAS Argument vieler Christen gegen Gemeindedisziplin. Ist es nicht erstaunlich, dass der „Architekt“ der neutestamentlichen Gnaden-Theologie selber am meisten Gemeindedisziplin ausübt? Das Thema Gemeindedisziplin ist der Anlass der meisten seiner Briefe (und er hat ca. 1/3 des NT geschrieben): Korintherbriefe – Gemeindedisziplin fast an jeder Ecke des Gemeindelebens, Galaterbrief – Gemeindedisziplin gegenüber den Judaisten, Epheserbrief – Gemeindedisziplin zur Einheit der Kirche, Kolosserbrief – Gemeindedisziplin gegenüber Häresien, Philipperbrief – Gemeindedisziplin bez. 2 Frauen (offensichtlich im Leitungsteam der Kirche), Philemon – Gemeindedisziplin gegenüber einem entlaufenen Sklaven und seinem Herrn, ich könnte so weitermachen… Gnade und Wahrheit sind die 2 Türangeln der gesamten Theologie und Theopraxie – fehlt eine davon, knarrt es an jeder Ecke.
  6. Gemeindedisziplin ist für die Mission der Kirche unentbehrlich. Mat 5,13-16
    Eine Kirche, die ihre Kraft und Reinheit verliert, verliert auch bald ihre Mission und Existenzberechtigung. Salz verliert eigentlich nie seine Wirkung, ausser es wird verunreinigt. Salz war damals nicht (wie heute) als billiges Abfallprodukt der  chemischen Industrie zu haben. Es war sehr teuer und oft durch Sand und Dreck verunreinigt – daher auch den Hinweis von Jesus, das unbrauchbare Salz einfach auf die Straße auszuschütten, wo es „von den Leuten zertreten wird“. Die Nachfolger Jesu, die gemäß der „Seligpreisungen“ leben, die sind das Salz dieser Welt und die sind auch das Licht dieser Welt. Licht und Finsternis sind bis heute Gegensätze. Licht verdrängt die Finsternis nicht durch Absorption, sondern durch Ausstrahlung. Eine Kirche, in der Gottes Herrlichkeit (= Lichtglanz, Gottes Gegenwart bei den Menschen), auch aus Gründen fehlender Umkehr und Nachfolge, nicht mehr zu sehen ist, wird bestenfalls nur noch eine „soziale Einrichtung“ (- was durchaus seinen Platz hat) und damit weniger als das „Licht dieser Welt“.
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2 Antworten zu “Gemeindezucht

  1. …danke Jacob …sehr ,sehr gut erklärt…ich weiss schon warum mein Papa dir gerne zugehört hat …wenn einer lehren kann -dann der -hat er gesagt!!!!!!!!

    • Super! Auf diese Thematik habe ich wirklich schon gewartet, bevor sich vor lauter Offenherzigkeit Beliebigkeit breitmacht. Und ich bin gespannt wie es weitergeht!

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