Heidnisches Christentum von Frank Viola 01

Ich habe gerade (auf eine Empfehlung hin) mit dem Buch von Frank Viola FV & George Barna GB angefangen: PAGAN CHRISTIANITY?: EXPLORING THE ROOTS OF OUR CHURCH PRACTICES. Ich lese das Buch in engl. Sprache und werde mich daher immer auch auf die letzte Ausgabe (revised edition von 2012) beziehen. Da ich nur eine Kindle Edition besitze, werde ich keine Seitenangaben machen… Jeder, der das Buch liest (oder gelesen hat), kann meine Bezüge nachvollziehen.

Ich selber schätze sehr viele der Ansätze der sog. „organic-church“ Bewegung. Das, was ich bis jetzt von dem Buch an Kritik über die Kirche gelesen habe, kann ich größtenteils nachvollziehen. Wir als Kirche müssen einen selbstkritischen Blick nach innen und nach aussen haben. Der Blick in die Geschichte der Kirche kann uns dabei helfen, aus den Fehlern zu lernen, Dinge zu korrigieren, Buße zu tun, um zur „Ersten Liebe“ zurückzukehren. Es ist in der Praxis sehr schwer, immer ein heiles und heilendes Gleichgewicht von Liebe und Wahrheit zu haben… Und es ist noch schwerer, Veränderungen zu durchleben und zu managen – egal ob persönlich, oder in einer Coaching/Mentoring-Beziehung, in einem Unternehmen, oder in der Kirche. Dieser großen Aufgabe haben sich die beiden Autoren gestellt.

ALLGEMEINES

  1. Die Autoren sehen sich als „apostolisch-prophetische“ Stimme zur Erneuerung der Kirche, die heute zum großen Teil heidnisch verwurzelt ist. Mir sind zwar beide Personen bekannt, aber nicht als jemand, der aktiv Kirche vor Ort baut.
  2. Beide sagen sehr klar, dass die Liebe zur Kirche, deren Primärmotivation für die Verfassung des Buches ist. Sie wollen zum Umdenken „im Licht biblischer Praxis“ bewegen.
  3. Sie wollen nicht so verstanden werden, dass das Buch ein bestimmtes Kirchenmodell (Organic-Church) propagiert – das wäre, so legen sie uns nahe – eine „missinterpretation“ des Buches.
  4. Die Autoren sind in ihren Darbietungen „gefangen“ im amerikanischen Christentum, klingen aber sehr Allgemeingültig und sprechen (meistens) für die Weltchristenheit.
  5. Weder Viola noch Barna sind Historiker. Deren „historisches Material“ ist daher sehr selektiv, da sie von vornherein schon die ganze Kirchengeschichte nur unter einem Aspekt sehen wollen – heidnische Wurzeln des Christentums.

Nun liegen Wunsch und Wirklichkeit in diesem Buch sehr weit auseinander. Schon allein der Titel ist provozierend (aber genau das will er auch!) und (größtenteils), höchst verallgemeinernd, beleidigend und verurteilend. Nach Frank Viola ist z. B. die gesamte „Contemporary Christianity“ – und dazu zählt er ALLES, was nicht zum „organic movement“ gehört – dem Irrtum der Pharisäer und Sadduzäer verfallen (Vorwort von FV). Man kann eingangs von Liebe zur Kirche reden, aber Seite um Seite hört der Leser denselben Ton der allgemeinen Abrechnung und Verurteilung der Kirche. Immer und immer wieder, einem Mantra gleich, wird wiederholt: die Praxis der heutigen Kirchen kommt aus dem tiefsten, und gottlosestem Heidentum. Es gibt zunächst keine Differenzierung, keine hellen Momente, keine Gnade für die „Contemporary Christianity“. Ich frage mich nur – wie hat diese durch und durch „verweltlichte Kirche“ 2000 Jahre überlebt?

DAS biblische Modell der Kirche sehen die Autoren, obwohl sie das im Vorwort verneinen, im sog. „organischen Kirchenkonzept“: ohne religiöse Programme und Institutionen, geistgeführt, partizipierend, ohne hierarchische Leiterschaft. Ja, sie gehen sogar so weit, zu sagen: die heutige Kirche in ihrer Institutionellen Form (und wir müssen immer bedenken, dass es nach FV und GB alle sind, die nicht ihrer Definition von „ORGANIC“ entsprechen) hat weder eine biblische, noch historische Existenzberechtigung. Demnach sind alle „Megachurches, seeker churches, Multi-Campus-Churches, Ferienbibelschulen, Kinderstunden, Zielgruppenarbeit, Worshiparbeit, Zellgruppen, Alpha-Gruppen, ja sogar „downloadable Sermons“ – nur eine weltliche Marketingstrategie, um einer „hednischen Kirche“ einen anderen Namen zu geben. Es sind alles nur von „Menschen gemachte“ Strategien, denen jegliche biblische Grundlage fehlt. Sie wollen zurück zu biblischen Wurzeln. Ich bin mal auf die Essenz gespannt…

Von den ersten gelesenen Seiten wird deutlich, dass beiden Autoren total der Blick (und auch die Wertschätzung) für die weltweite Kirche in deren unterschiedlichsten Ausprägungen fehlt. Aber dafür sollte ich vielleicht das Folgebuch (Reimagining Church) lesen… Vielleicht kommt da noch was!? Ich befürchte, dass hier die McDonaldifizierung der Kirche – hier die Kritik der Kirche – weitergeht. Aber die Amerikaner haben ja immer eine Art „Weltverantwortung“ 🙂

An einer Stelle schreiben sie: „wir wollen, dass du von Gottes Wort und der Geschichte informiert bist“, um eine Veränderung der Kirche zu bewirken. Doch sowohl die Biblischen Texte als auch die Geschichte wird hier nur durch den „Filter“ der „organic Church“ betrachtet. So wird z. B. gegen jegliche „Hierarchien und Titel“ in der Kirche gewettert, obwohl es auch zu biblischen Zeiten immer sowohl das eine, als auch das andere gegeben hat (allein der Hinweis auf Rö 16 müsste hier genügen). Der Kaiser Konstantin und die von ihm verursachte „Wende“ im Christentum wird hier historisch als „DIE Invasion des Heidentums“ verkauft, obwohl jeder Historiker, weiß, dass das nicht stimmt. Konstantins Rolle in der Kirche ist gewiss eine schwierige, aber die Aushöhlung des Christentums begann viel früher und war zuvor viel heftiger als „nur“ die Errichtung von „Christlichen Kathedralen“. Hier erkennt man die völlige Ignoranz (oder eine bewusste Manipulation, oder nur Selektion historischer Ereignisse?) der Kirchengeschichte seitens der Autoren.

Man muss wirklich nicht ein ganzes Kapitel lang gegen einen „heidnischen Gebäudekult“ der „Contemporary Christianity“ poltern um danach in der Essenz nur eines zu sagen: In der Bibel wird das Wort ekklesia nie für ein Gebäude, sondern immer nur für die „versammelte Körperschaft der Kirche“ verwendet. Come on guys – dafür muss ich nicht 1 Stunde lang eine halbherzige und einseitige Abhandlung über Konstantin lesen. Was ist los, Männer? Mich lässt der Eindruck nicht los, dass hier jemand gegen seine eigenen „traumatischen ekklesiogenen Psychosen“ ankämpft und es dann als den „Kampf für biblische Wahrheiten ausgibt“. Aber auch dann, wenn die Bibel zitiert wird, wird immer nur alles unter dem sehr einseitigen und engstirnigen Modell dessen betrachtet, was die Autoren als „organic“ verstehen. Hier ist der Wunsch der Vater der Bibelexegese. Z. B. wird an einer Stelle gesagt, dass die Kirche sich immer „nur in Häusern als regelmäßiger Versammlungsort“ traf. Richtig ist: es waren Häuser, Synagogen, Tempel, öffentliche Plätze, Landschaften. Man vermutet schon, was der Autor sagen will… – dass Häuser die häufigsten, die bevorzugtesten und die Orte waren, wo sie Kirche in ihrer ursprünglichsten Form erlebt haben… Aber um eine Wahrheit darzustellen muss man sie nicht überzeichen und einseitig darstellen, oder? Oder die Autoren behaupten: die ersten Christen nahmen das Abendmahl als „volle Mahlzeit“ zu sich – mit einem Hinweis auf 1 Kor 11,21ff. Es scheint tatsächlich so zu sein, das das Abendmahl in eine Mahlzeit integriert wurde – das lesen wir auch in der Apg.- aber dass es grundsätzlich „eine volle Mahlzeit“ war – das wird nirgendwo im NT so gelehrt. Bis jetzt habe ich als Exeget bei fast jeder „Bibelinterpretation“ von FV und GB ein oder mehrere Fragezeichen hinterlegt, weil sie offensichtlich und nachweislich von deren „Weltanschauung“ geprägt ist.

Ich bin gespannt, was mich noch erwartet…

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2 Antworten zu “Heidnisches Christentum von Frank Viola 01

  1. Vielen Dank für die Einordnung. Ich bin bis zum Kapitel über die Predigt gekommen und habe genau das gleiche empfunden, was Sie hier ausdrücken! Am schlmmsten ist für mich die mangelnde Wertschätzung bis hin zur Verachtung der Christenheit vor uns und die damit verbundene Selbstüberhöhung.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Anja Stöver

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