HEIDNISCHES CHRISTENTUM VON FRANK VIOLA 02

Link zu TEIL 1

Ich habe gerade das 3. Kapitel hinter mir… Überschrift: Die Gottesdienstordnung – der einbetonierte Sonntagmorgen! Nachdem ich gestern die Vorworte und die ersten beiden Kapitel gelesen hatte, sind meine Erwartungen für den Rest des Buches auf ein enttäuschendes Maß eines aggressiv-polemischen Traktats gedrosselt worden. Daher sollte die Lektüre des nächsten Kapitels eigentlich nicht zu noch mehr Enttäuschungen führen… Man kann sich irren… 😉

Das Kapitel kann man so kurz zusammenfassen: Angefangen von der mittelalterlichen katholischen Messe, über Luther, Zwingli, Calvin, den Puritanern, Methodisten, Erweckungsbewegungen, Evangelisationsbewegungen… bis hin zur „contemporary church“ (die nun förmlich zum ekklesialen Feindbild hochstilisiert wird), sind alle Gottesdienstordnungen im tiefsten Heidentum verwurzelt. Alle Evangelikalen Gottesdienstmodelle lassen sich demnach sukzessive auf die besagte katholische Urmesse zurückführen, mit einigen wenigen neuen Schwerpunkten, die allerdings aus der Sicht der Autoren ebenfalls nicht schriftgemäß sind. Ob nun die Eucharistie, der Altar, die Kanzel, oder der Bekehrungsruf im Mittelpunkt stehen… – man jagt schon seit Jahrhunderten „immer dieselbe Sau“ durchs Dorf. Und natürlich ist diese „Sau“ unrein, weil „heidnisch“. Zu neueren Bewegungen (Pfingstler, Charismatiker und die anderen Erben der Erweckungsbewegung) kommt noch dazu, dass die „emotionale“, oder wie die Autoren das nennen „die psychologische“ Ebene des Menschen berührt wird – das ist Pragmatismus und pure Manipulation – durch und durch heidnisch also.

Dass die Autoren nicht ernsthaft am historischen Material und Kirchengeschichte interessiert sind, habe ich schon bei meinem ersten Beitrag bemängelt. Deren sehr tendenziöse Interpretation der Kirchengeschichte ist ein weiterer Punkt. Was allerdings immer mehr erschreckend (und für mich auch nicht mehr seriös) wirkt, ist deren Beurteilung (besser gesagt wäre: Verurteilung) der Geschichte und deren Akteure. Hier z. B. so ein Klopper: „Perhaps the most lasting element that Finney unwittingly contributed to the contemporary Christianity was paganism.“  Dasselbe sagen sie in der Essenz auch über Wesley, Moody, Billy Graham und alle sog. „seeker-sensitive-Ansätze“. Alle (und damit meinen die Autoren wirklich ALLE – bis auf die Bewegung, für die sie nun einstehen!) haben nicht den „ganzen Ratschluss Gottes“ gepredigt und der Kirche somit immensen Schaden hinzugefügt.

Welche Lösung bieten die Autoren an? Jesus muss das Zentrum und das Haupt jeder Versammlung sein und das Priestertum aller Gläubigen muss in jeder Versammlung durch eine spontane Beteiligung aller zum Ausdruck kommen. Auf die Frage, ob die Schrift nicht auch eine „gewisse Ordnung“ in Versammlungen vorsieht, kommt die Antwort: dafür waren in der Urkirche reisende Apostel zuständig… Wirklich?

REFLEKTIONEN & FRAGEN

  1. Ohne Frage, müssen Ordnungen und Liturgien immer wieder neu auf den Prüfstein. Es muss in jeder Generation und Kultur neu entdeckt werden, welche Ordnungen, Strukturen und Liturgien am besten geeignet sind, das Leben und die Botschaft der Kirche zu forcieren. Jede Kirche muss das in ihrem Kontext jeweils beantworten. Kontextualisierung bedeutet auch, dass solche Formen von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort unterschiedlich ausfallen können. Hier hätte ich mir etwas mehr Ehrfurcht vor der Geschichte gewünscht!
  2. Es gibt meines Wissens allerdings KEINE biblische und somit normative Gottesdienstordnung (oder Versammlungsordnung), wie das die Autoren ihre Leser glauben machen wollen. Auch 1 Kor 14 kann dafür nicht herhalten. Umgekehrt. Jeder, der in 1 Kor 14 ein „geisterfülltes, spontanes, freies, jesusgemäßes und normatives“ Modell einer Gemeindeversammlung erkennen will, muss eines exegetisch feststellen: Paulus will hier in einer höchst chaotischen und charismatischen Kirche Ordnungen etablieren, die das geistliche Leben nicht gefährden, sondern ermöglichen, erhalten und entfachen. (s. dazu mein Buch zum Thema Das Schweigen der Frauen, bei dem ich einen ausführlichen exegetischen Exkurs zu der Passage mache.)
  3. Alle Konfessionen, Institutionen und Bewegungen, die von den Autoren so scharf aufs Korn genommen werden, haben große Dinge in der Geschichte der Kirche geleistet, die ausserhalb der Gottesdienste stattfanden: Armendienst, Bildung in Klöstern und Universitäten, Gründung von Schulen und Krankenhäusern, Mission und Evangelisation, Bibelübersetzungen, Schaffung von Kunst und Kultur, wegweisende Errungenschaften in Wissenschaft und Technik… um nur einiges zu nennen. Die Reduktion einer Konfession auf deren Gottesdienstordnungen ist zwar zweckmäßig für die Botschaft der beiden Autoren, allerdings für die breite Leserschaft (ohne Kenntnis in Kirchengeschichte) verkürzend, manipulativ und unehrlich.
  4. Ich weiß nicht, was schlecht daran sein soll, Menschen zu einer Entscheidung für Jesus aufzufordern – was grundsätzlich von den Autoren in die „Individualistische Ecke“ gedrängt wird. Und es ist einfach lächerlich zu behaupten, dass die Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts damals zu „frommem Individualismus“ geführt habe. Jesus, Paulus und andere Lehrer & Prediger aus dem NT haben immer und immer wieder eine solche „persönliche Entscheidung“ gefordert.
  5. Das Maß aller Dinge für die Autoren ist das organische Gemeindemodell (und sie vertreten nur eine bestimmte Ausprägung davon – die als Hauskirche!). Lehren in einem großen Auditorium oder der sog. Frontalunterricht (oder wie sie sagen: Predigt vor einer großen Menge) ist für eine Versammlung nicht schriftgemäß. Allerdings sind sie toleranter, wenn es um eine evangelistische Botschaft geht. Woher haben die das? Aus der Bibel? Woher kommt die Unterscheidung zw. einer „normalen“ Versammlung und „evangelistische Versammlung“? Sind die Autoren hier nicht selber ein Produkt einer bestimmten Gemeindetradition? Jesus, Petrus und Paulus jedenfalls haben keine Skrupel vor Hunderten und Tausenden frontal zu lehren (der letztere sogar so, dass einer einschlief, stürzte und starb… und wieder auferweckt wurde). Ob Frontalunterricht DIE Form schlechthin ist, ist eine ganz andere Frage. Aber die besten Schulen und Unis dieser Welt zeigen, dass es immer noch eine sehr effektive Form sein kann.
  6. Das „Priestertum aller Gläubigen“ verstehen die Autoren so, dass jeder in der Kirche sich jederzeit in jedem Kontext spontan beteiligen kann. So würde dann (und nur so und nicht anders) die Herrschaft Christi in der Kirche sichtbar werden. Das Konzept, des „heiligen Priestertums“ kommt aus 1 Petr. 2, wo gesagt wird, dass die Gläubigen das Haus Gottes, das Volk Gottes, die Berufenen Gottes und somit „Gottes Priester“ sind, um Seine Werke in dieser Welt zu vollbringen. Das Konzept des „heiligen Priestertums“ steht im NT nicht dafür, dass JEDER in der Kirche ALLES tun darf. Die Autoren ziehen das Argument und diese „Priestertum-Theologie“ dafür heran, um für eine „hierarchielose Organisation“ der Kirche zu wettern. Das ist eher das brüdergemeindlich-demokratische Verständnis, nicht das der Heiligen Schrift. Obwohl wir alle ein „heiliges Priestertum“ sind, sagt die Schrift etwas zu Leitung, Hirtendienst, Lehre, Aufsicht, Ältestenschaft und vor allem zum gabenorientierten Dienst. Das „Priestertum aller Gläubigen“ ist bei den Autoren eher stark ideologisch (von deren Konzept der organic church) geprägt und nicht schriftgemäß, wie sie es uns gerne verkaufen wollen.

Ich lese nun weiter…

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2 Antworten zu “HEIDNISCHES CHRISTENTUM VON FRANK VIOLA 02

  1. Meines Erachtens ist die Unsicherheit, die die Autoren erzeugen (wollen) legitim. Auch der Ansatz vieles in Frage zu stellen, was das Christentum in den letzten 2000 Jahren als „Wahrheit“ verkauft hat. Wer natürlich ein Problem damit hat, sind die „Besitzstandswahrer“, die von diesem macht-/vermittlerorientierten System profitieren. Die Autoren wollen keine neuen Patentrezepte und Dogmen aufstellen, sondern beschreiben den historischen Kontext vieler als „biblisch“ eingestuften Praktiken. Das erzeugt natürlich beim Leser Unbehagen. Aber wenn man die (charismatisch-)christliche Szene betrachtet, ist Unbehagen durchaus angebracht. Die Stagnation ist nach 135 Vaterherzkonferenzen, 1762 neuen Aufbrüchen, ungezählten geistlichen Kriegszügen unübersehbar. Und da ist jeder für sich vor Gott verantwortlich. An diese Eigenverantwortlichkeit appellieren die Autoren. Jetzt. Sofort. Und immer.

    „Folge denen, die die Wahrheit suchen, und verlasse die, die sie gefunden haben“ André Gide

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